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Frühlingserwachen im Hollerbusch

Marianne Sägebrecht in der Reihe "Diven im Großen Haus" im Staatstheater.
Marianne Sägebrecht in der Reihe "Diven im Großen Haus" im Staatstheater. FOTO: Michael Helbig/mih1
VS: Es passte zum Wetter und zu Marianne Sägebrecht sowieso, ihr "Frühlingserwachen" im Staatstheater Cottbus, wo sie als "Diva im Großen Haus" vom Publikum gefeiert wurde für ein frech-frivoles, geistreich-nachdenkliches Programm. Begleitet wurde sie von dem Schauspieler Lenn Kudrjawizki, der sich als Meister auf der Violine entpuppte. Renate Marschall / mar1

Cottbus. Zum Zurücklehnen und Entspannen war dieser Freitagabend mit Gedichten, Passagen aus ihren eigenen Büchern und Texten anderer nicht. Marianne Sägebrecht forderte ihr Publikum nicht nur, weil man leicht außer Atem kommen konnte, um dem Tempo ihres Vortrags zu folgen. Ein wacher Verstand war gefragt, um ihre - mitunter durchaus ungewöhnlichen - Gedankengänge nachvollziehen zu können. Ihre ungekünstelte Herzlichkeit nahm sofort gefangen. Das Publikum folgte ihr, wohin auch immer die Schauspielerin es einlud, das Frühlingserwachen zu spüren. In den Holunderbusch im Garten des Großvaters beispielsweise, der wie Mutter und Großmutter auch, eine große Rolle in ihrem Leben spielte. In besagtem Hollerbusch residiert - der Name sagt's - Frau Holle, die über die Ernte wacht. "Am ersten Erntetag sind die inhaltsreichen Früchte Elfen und Faunen vorbehalten, am zweiten dürfen sich Vögel laben - in genau festgelegter Reihenfolge." Mikro- und Makrokosmos, Gleichgewicht, Ausgleich, Lebensfluss, Gelassenheit und der Jordan, über den sie schon seit 40 Jahren sei, spielt in Marianne Sägebrechts Lebensberichten und Geschichten immer wieder eine Rolle. Auch, dass sich mit zunehmendem Alter für sie der Himmel weitet, darunter selbst Menschen Platz finden, die nicht so nett sind. Wenn sie von ihrem Leben auf dem Lande, am Starnbergern See, erzählt, wo jeder Tag mit einem Klanggebet des Dalai Lama endet, in dem sie sich und anderen verzeiht, die Welt wie sie ist akzeptiert. Seit 13 Jahren lebt sie in dem bayerischen Dorf. Sie kommt mit den Nachbarn gut aus, geheuer ist sie ihnen aber wohl nicht immer. Wenn sie morgens durchs nasse Gras tanzt oder immer wieder Teile ihres Vermögens verteilt. Das könne man ja schon als "Vorform der Liederlichkeit bezeichnen", meinten die Dorffrauen auf dem Weg aus der Kirche. Aber Marianne Sägebrecht ist ja Kabarettistin und geübt prägnant zu formulieren: "Ihr seid bekennende Christinnen, ich eine praktizierende." Sie trage ihr Herz auf der Zunge, sagt sie, "seit ich auf dem Land lebe, mache ich den Mund nicht mehr so oft auf." Kaum zu glauben!

Sie erzählt, dass sie schon als Kind etwas anders gewesen sei, ein Indigo-Kind, ausgestattet mit besonderen spirituellen Fähigkeiten. "Bei meiner Mutter durfte ich sein, wie ich war. "Wennst's sagst, dann stimmt es auch", pflegte sie zu sagen. Kinder in ihrer Individualität zu bestärken, damit aus ihnen etwas Besonderes wird, das hat sie auch bei Tochter und Enkelin praktiziert.

Marianne Sägebrecht, die zu den großen deutschen Schauspielerinnen zählt, mit Filmen wie "Out of Rosenheim" berühmt wurde, lebt ihre Überzeugungen und bezieht Stellung. Sie setzt sich ein für Sinti und Roma, hat mit ihnen in München gerade ein Theaterprojekt erarbeitet, das unter anderem in Dachau aufgeführt wird, wo Tausende Sinti und Roma ermordet wurden. Sie zitiert Mahatma Gandhi: "Unfrieden entsteht immer zuerst in unserem Inneren. Angst vor Schmerz, Verlust, Machtlosigkeit und davor, nicht geliebt zu sein, gepaart mit einer mehr oder weniger tiefen Existenzangst bilden die Basis dafür." Eine bis heute zutreffende Gesellschaftsanalyse. Die Kriege und Konflikte im Inneren zu beenden, eröffnet die Chance auf Frieden, was Marianne Sägebrecht durchaus als Aufforderung und Aufgabe versteht. Ganz deutlich auch in dem Gedicht "Abel steht auf", ein Plädoyer der jüdischen Dichterin Hilde Domin, dass es immer einen Neuanfang geben kann. Auch in diesem Sinne will die Sägebrecht das Frühlingserwachen verstanden wissen.

Lenn Kudrjawizki, der im Alter von zwei Monaten mit seinen Eltern aus Petersburg nach Deutschland kam, singt dazu ein jiddisches Lied: ". . . .vertrieben hast du mich in ferne Länder und ich sehne mich nach dir . . ." Großartig, wie der junge Schauspieler den Abend musikalisch nicht nur begleitet, sondern von Schubert bis zum Csardas von Monti eigene Glanzlichter setzt.

Frühlingserwachen, das hieß aber auch zu beschmunzeln, was die aufsteigenden Säfte so mit den Menschen machen, wobei es sich durchaus um den zweiten oder dritten Frühling handeln kann. Wie bei der Neue-Kuh-Theorie - die sich zu der These verdichtete: Mann braucht Zweitfrau - zwecks Verbreitung der Gene. Weiblicher Spätfrühling dagegen hadert beispielsweise mit dem Klimakterium, das mitschuldig ist an der Erderwärmung, meint jedenfalls Kabarettistin Patrizia Moresco: "Wie soll ich den Klimawandel aufhalten, während mir selbst der Arsch auf Grundeis geht?" Aber: Frauen in den Wechseljahren sind einfach nur Heldinnen, bilanziert die Sägebrecht, die mit ihrem Buch "Auf ein prima Klimakterium" ja geradezu prädestiniert für so ein Fazit ist. Das Publikum dankte für diesen inspirierenden Abend mit Standing Ovations.