"Das Varieté liegt bei mir in der Familie. Meine Oma ist noch im alten, historischen Wintergarten aufgetreten", erzählt die 41-Jährige. "Und ich habe mit einer ,Singenden Säge' und Max Raabe auf einer kleinen Varieté-Bühne in Berlin angefangen." Die neue Show soll mit Spitzen-Artisten aus aller Welt ein Feuerwerk aus Akrobatik, Gesang, Zauberei, Clownerie und Live-Musik bieten. Meret Becker sorgt als Sängerin und Conférencière mit ihrer Band "The Tiny Teeth" für die musikalische Grundstimmung. Nach den drei Voraufführungen in den vergangenen Tagen ist das Lampenfieber inzwischen gedämpft. "Das war sehr aufregend, aber auch schön", sagt sie. Ihre Oma Claire Schlichting gehörte einst zu den ganz großen Stars, als der 1880 gegründete "Wintergarten" in den Weimarer Jahren seine Blütezeit feierte. Künstler wie Claire Waldoff und Otto Reutter gehörten zum Inventar. Kaum ein namhafter Comedian kam an der legendären Schaubühne vorbei. Ein Bombenangriff legte 1944 den Glaspalast an der Friedrichstraße in Schutt und Asche.Erst 1992 gelingt ein Neuanfang. Der Kulturunternehmer Peter Schwenkow hebt mit den Roncalli-Gründern André Heller und Bernhard Paul den neuen "Wintergarten" an anderer Stelle aus der Taufe. Er kann zunächst an goldene Zeiten anknüpfen, muss Anfang 2009 nach einer längeren Durststrecke aber dichtmachen: Die scharfe Konkurrenz im Berliner Kulturleben mit allabendlich über 1600 Veranstaltungen machte es zunehmend schwer, die fast 500 Plätze zu füllen.Oder ist einfach die Zeit des Varietés vorbei? Nein, sagt Meret Becker. "Im Zeitalter der Schnelllebigkeit, wo man Fast Food isst und Häppchen nascht und Youtube guckt statt Filme, ist Varieté eigentlich die richtige Form. Und es hat ja absolut nichts Altbackenes an sich. Es sind alles junge Künstler, die das einbringen, was wirklich hip ist."Schon bei der Vorstellung des neuen Konzepts hatten sich die Macher zuversichtlich gegeben. "Das Varieté ist nicht totzukriegen, auch wenn es mal kränkelt", sagte Manager Georg Strecker, der auch unter dem neuen Betreiber Arnold Kuthe Entertainment GmbH (Berlin) für die künstlerische Gestaltung zuständig bleibt. Er plant jährlich drei größere Programme, die "zeitgemäß, aber nicht zeitgeistig" sein sollen.Für Meret Becker ist ihre dreimonatige Verpflichtung im "Wintergarten" wegen ihrer Großmutter auch ein Anknüpfen an die Familiengeschichte. "Man kommt ja in ein Alter, in dem man über seine Wurzeln nachdenkt", sagt sie. "Früher als Kind hatte ich oft das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt, nicht ins Bild passt. Und dann seine Wurzeln zu entdecken in einer Unwurzeligkeit wie dem Varieté, das ist schon toll."