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| 18:53 Uhr

Fotoausstellung
Live und experimentell

 „Wolfgang G. Schröter. Das Faszinosum live und experimentell“ Wolfgang G. Schröter: Tankstelle Haberland, Leipzig-Markkleeberg, 1956.
„Wolfgang G. Schröter. Das Faszinosum live und experimentell“ Wolfgang G. Schröter: Tankstelle Haberland, Leipzig-Markkleeberg, 1956. FOTO: Dr. Grit Wendelberger,
Cottbus. Frühe Fotografie von Wolfgang G. Schröter im Brandenburgischen Museum für moderne Kunst in Cottbus zu sehen. Von Renate Marschall

 Es sei mal wieder an der Zeit, die nicht sehr oft gezeigten und auch im Bestand des Brandenburgischen Museums für moderne Kunst (BLMK) eher sparsam vertretenen Schätze der DDR-Fotografie der 50er- und 60er-Jahre zu beleuchten, sagt Carmen Schliebe, die Kustodin für Fotografie am Hause. Aus gutem Grund hat sie dafür Werke des 1928 in Wolfen geborenen Wolfgang G. Schröter ausgewählt. Er gehört zu jenen Fotokünstlern, die mit ihrer Sicht der Dinge, ihrem künstlerischen Anspruch an das Medium Vorbild waren für spätere Generationen von Fotografen. Schröter selbst war nach dem Krieg einer der ersten Studenten am Institut für Farbenfotografie, woraus dann die Abteilung für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig hervorging, an der er später auch lehrte.

„Das Faszinosum live und experimentell“ ist die Werkschau im Cottbuser Dieselkraftwerk überschrieben. Tatsächlich ist faszinierend, wie unterschiedlich die Arbeiten sind. Schröter hat sich nicht, wie damals allgemein üblich, auf Fotografie für Magazine und Zeitungen beschränkt, die vor allem den Aufbau des Sozialismus zu dokumentieren hatten, was er zunächst offenbar auch mit Begeisterung tat. Live.

Da sind die Bilder vom Leipziger Weihnachtsmarkt 1956, ein Zeitdokument. In der Losbude finden sich neben Teddys und Puppen auch Kochtöpfe und Wassereimer. Manch einer, der sich nach dem Krieg einen neuen Hausstand schaffen musste, mag sich darüber gefreut haben. Auf einem der Bilder vollführt ein – heute würde man sagen Marktschreier im weißen Kittel und mit verwegener Baskenmütze – wahre Tänze, um seine Ware anzupreisen.

Interessant sind die Gesichter der Schaulustigen: skeptisch, überrascht, amüsiert. Überhaupt ist der Fotograf angezogen von Gesichtern. Im legendären Café „Corso“ etwa. Hier verbrachten, unweit der Leipziger Uni, ganze Generationen von Studierenden die Pausen zwischen den Vorlesungen – und nicht nur die. Es war ein Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle, ein Platz zum flirten und philosophieren. An den kleinen Caféhaustischen sitzen sie und rauchen, sinnieren, sind ins Gespräch vertieft, die Kamera schaut ihnen zu, ohne sich aufzudrängen.

Zum Chronisten eines historischen Augenblicks wird Schröter bei einem Kolloquium 1958 an der Universität Leipzig, bei dem der Nobelpreisträger Werner Heisenberg namhaften Wissenschaftlern, darunter Abraham Joffe, Max von Laue, Ilse Meitner, Manfred von Ardenne seine Weltformel, die mathematisch-physikalisch das gesamte Universum beschreiben sollte, vorstellte. Er wurde dabei ziemlich auseinandergenommen, Unstimmigkeiten seiner Formel aufgelistet. Eine der Fotografien zeigt Manfred von Ardenne, dem die Gleichung ganz bildlich durch den Kopf geht, er steht offenbar zwischen Projektor und Leinwand. Auf einer anderen steht Heisenberg vor der Tafel, auf die er seine Formel geschrieben hat, ein X über dem Kopf. . . Ein begnadeter Bildjournalist, der authentische Wirklichkeitsausschnitte in ein­drücklichen Bildern festhielt.

Neben solchen dokumentarischen Arbeiten stand für Schröter immer auch das Experiment, die Frage nach den Möglichkeiten des Mediums als Kunstform. Aus- und Anschnitte, der Umgang mit Licht und Farbe. Nicht umsonst galt Wolfgang G. Schröter als der Spezialist für Farbfotografie in der DDR, wie Carmen Schliebe betont. Dabei kam ihm die Nähe zur Agfa-Filmfabrik Wolfen zugute. Dort arbeitete sein Vater und er selbst auch einige Zeit als Hilfswerker. Später übernahm er Werbeaufträge, die ihm Zugang zu erstklassigem Filmmaterial verschafften, mit dem er allerdings meisterlich umzugehen wusste.

Auf einer seiner eher experimentellen Fotografien ist die Tankstelle Haberland in Markkleeberg im Jahr 1956 zu sehen. Man schaut auf das Bild und denkt an den amerikanischen Maler Edward Hopper. Der direkte Blick und wie Schröter hier mit Licht und Farbe umgeht, das wirkt geradezu modern.

Wolfgang G. Schröters fotografischer Nachlass, er starb im Jahr  2012, umfasst etwa 50 000 Aufnahmen. Die sind wesentlich im Fotoarchiv Wolfgang G. Schröter in Halle/Saale, das auch Leihgeber dieser Ausstellung in Cottbus ist, versammelt.

Ausstellung bis 10. Februar 2019, BLMK Cottbus, Uferstraße, 03046 Cottbus. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.