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| 17:25 Uhr

Rezension
Gift für alle

Im Staatstheater Cottbus hatte Schillers Schauspiel „Kabale und Liebe“ eine umjubelte Premiere – hier eine Szene mit (v.l.) Boris Schwiebert (Ferdinand), Sophie Bock (Luise), Michaela Winterstein (Millerin), Matthias Horn (Miller), Amadeus Gollner (Wurm), Annegret Thiemann (Lady Milford) und Thomas Schweiberer (Präsident von Walter).
Im Staatstheater Cottbus hatte Schillers Schauspiel „Kabale und Liebe“ eine umjubelte Premiere – hier eine Szene mit (v.l.) Boris Schwiebert (Ferdinand), Sophie Bock (Luise), Michaela Winterstein (Millerin), Matthias Horn (Miller), Amadeus Gollner (Wurm), Annegret Thiemann (Lady Milford) und Thomas Schweiberer (Präsident von Walter). FOTO: Staatstheater Cottbus / Marlies Kross / Theaterfotografi
Cottbus. Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ hatte am Staatstheater Cottbus bejubelte Premiere – in einer außergewöhnlichen Inszenierung von Jo Fabian. Von Renate Marschall

Premierenabend in der Kammerbühne des Staatstheaters Cottbus: „Kabale und Liebe“. Die Schauspieler sitzen auf einem Podest auf der Bühne und schauen, die Zuschauer im Saal tun es ihnen gleich. Zeit, sich auf die Figuren zu konzentrieren, die durch Kleidung, Maske, Haltung schon manches von sich preisgeben (Bühne: Jo Fabian, Kostüme: Katharina Lautsch, Jo Fabian). Der nicht zum lackierten Vater passende Ferdinand, die gutbürgerlichen Millers, die etwas blasse Lady Milford, Wurm, ein dunkler Typ, und Luise, offen, neugierig.

Friedrich Schiller schrieb sein bürgerliches Trauerspiel 1784, ein aufmüpfiges Stück des Sturm und Drang, mutig den Adel als korrupte, menschlich degenerierte Klasse charakterisierend, das Bürgertum als selbstbewussten neuen Hoffnungsträger gesellschaftlicher Veränderung. Schiller macht seine Gesellschaftskritik an der Liebe zweier junger Menschen fest – dem adligen Ferdinand von Walter und der bürgerlichen Luise Millerin, Tochter eines Musikus. Eine Liebe, die tragisch endet, weil die Zeit nicht reif ist, Standesunterschiede zu überwinden. Präsidenten von Walter, einer der großen Strippenzieher am Hofe, sind alle Mittel recht, um Ferdinand von Luise abzubringen, um ihn machterweiternd mit Lady Milford, Mätresse des Herzogs, zu verheiraten. Seine Kabale gehen so weit, dass er seinen Sekretär Wurm, der selbst scharf auf Luise ist, von ihr einen Brief erpressen lässt, in dem sie einen anderen zum Schäferstündchen bittet. In Ferdinands Hände gespielt, besiegelt er das tragische Schicksal der beiden. Ferdinand vergiftet sich und Luise, die ihm sterbend, nun an kein Schweigen zum Schutz ihrer Eltern mehr gebunden, die Intrige seines Vaters gesteht. So weit Friedrich Schiller.

Schauspieldirektor Jo Fabian erzählt die Geschichte auch, aber auf seine Weise. Nicht viel ist von Trauerspiel zu spüren. Luise hat die Lacher auf ihrer Seite, wenn sie sich mit Widerworten, wie sie Eltern auch heute von ihren sich erwachsen wähnenden Kindern hören, gegen die Vorhaltungen des Vaters zur Wehr setzt. Mit einem Küsschen weiß sie ihn um den Finger zu wickeln – Töchter eben.

Und Ferdinand ist einfach ein verliebter junger Mann, der Luise unter den Rock will. Aber nicht nur, er will sie für immer für sich. Was scheren ihn die Bedenken der Alten. Er fühlt so viel Mut und Kraft in sich, alle Hürden zu nehmen. Naiv. Erst am Ende stellt er fest, dass sie doch zu hoch waren. Zuvor gelingt ihm Manches: Er zieht Luises Mutter auf seine Seite, erklärt der Lady nach einem Schäferstündchen, dass er nicht gedenkt, der Weisung des Vaters zu folgen und sie zu heiraten. Das alles passiert in einem temporeichen, nie langweilenden Spiel, mit zum Teil tänzerisch agierenden Figuren. Musikeinspieler von Rammstein weisen den Weg zu opponierender Jugend heute. Schiller im Originaltext gibt es wie Spotlights in die Vergangenheit nur ab und zu. Ein bisschen mehr hätten es sein können, oder nicht so verschämt runtergebrabbelt – einfach um ein Gespür zu vermitteln, was Sprache sein kann.

Eine solche Inszenierung, noch mehr als andere, lebt von Schauspielern, die sich ganz dreingeben, ein intelligentes Rollenverständnis haben und unbändige Spiellust. Alles massenhaft vorhanden. Die Zuschauer erlebten einen überragenden Boris Schwiebert als Ferdinand, mit der variantenreich agierenden Sophie Bock als Luise, eine in vielem moderne junge Frau. Thomas Weiberer spielte den Präsidenten mit ebenso viel dämlicher Blasiertheit wie Verschlagenheit, assistiert von Wurm, den Amadeus Gollner als typischen „Radfahrer“ charakterisierte – nach oben buckeln, nach unten treten. Matthias Horn und Michaela Winterstein waren die besorgten Eltern mit Emanzipationsversuchen gegen die adlige Willkür – noch unterlegen, bald aber nicht mehr.

Annegret Thiemann, die die Lady Milford gibt, hat ihren stärksten Auftritt, als sie ihre Rolle verlässt und sich darüber mokiert, dass die einzige politische Szene einfach rausgestrichen wurde. In ihr erfährt Lady Milford von ihrem Kammerdiener, dass ihr wertvoller Schmuck vom Herzog mit dem Verkauf von 7000 Landeskindern als Soldaten nach England finanziert wurde. Unter ihnen zwei Söhne ihres Dieners. Darüber entbrennt nun unter den Schauspielern eine heftige Debatte. Eine schlaue Regie-Idee, durch die viel mehr historisch Hintergründiges zu erfahren ist, als durch die Kammerdienerszene selbst.

Schließlich strebt alles dem Ende zu: Luise sinniert über eine Zeit, in der Menschen nur Menschen sind – Utopie bis heute. Robespierre hat daran nichts geändert – und nicht die, die im Hintergrund die rote Fahne schwenken. Anders als bei Schiller vergiftet Ferdinand zum Schluss alle. Keiner von ihnen ist heute noch Hoffnungsträger für eine neue Zeit.

Liebhaber der Klassik kommen in dieser Inszenierung wohl nicht auf ihre Kosten, dafür alle, die herausforderndes, spannendes Theater lieben, das es immer wieder schafft, sich neu zu erfinden. Jo Fabians Strategie, so junge Leute ins Haus zu locken, könnte aufgehen. Die Premiere jedenfalls wurde heftig bejubelt.

 Für die Vorstellungen am 16. und 18. Oktober sind Restkarten erhältlich, Ticket-Telefon: 0355 78242424.