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Fotografien von Hans-Christian Schink im dkw. Cottbus

Cottbus. Was weiß das Kamera-Auge dem menschlichen Auge zu erzählen? Was kann die Fotografie besser als andere Kunstformen? Hans-Christian Schinks Aufnahmen von ostdeutschen Verkehrstrassen, exotischen Landschaften und Sonnenphänomenen regen im Cottbuser dkw. dazu an, über solche Fragen nachzudenken. Von Felix Johannes Enzian

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein musste die Fotografie darum kämpfen, als ernstzunehmende Kunstgattung neben der Malerei und der Bildhauerei akzeptiert zu werden. Ihre Verächter behaupteten, dass sie statt auf Fantasie und Virtuosität bloß auf Technologie und Zufall beruhe. Diese Abwertung war natürlich grob ungerecht. Zunächst ist der besondere Vorzug der Fotografie ihr direkter Realitätsbezug. Eine Kamera kann die Umgebung (fast) genauso wie das menschliche Auge erfassen, bisweilen gründlicher und objektiver. Ein guter Fotograf knipst zudem nicht einfach in die Welt hinein, sondern arbeitet wie ein Maler sorgfältig an der Komposition seines Motivs. Zu ihr gehören insbesondere Bildausschnitt und Perspektive sowie die Verteilung von Licht und Schatten.

Neue Sichten

In seiner großformatigen Serie “Verkehrsprojekte Deutsche Einheit„ (1995-2003) führt der Leipziger Hans-Christian Schink eindrucksvoll vor, was sich mit diesen Mitteln erreichen lässt. Der 1961 in Erfurt geborene Künstler hat zwischen 1986 und 1993 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Fotografie studiert und zählt zu den renommierten Vertretern der Landschafts- und Architekturfotografie in Deutschland. Im Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk lehrt er die Ausstellungsbesucher eine alltägliche und stets nur flüchtig registrierte Umgebung - Autobahnen und Eisenbahnstrecken - neu zu sehen.

Das geschieht zum einen, indem Schink besondere Standpunkte für seine Kamera wählt. Beispielsweise blickt sie mitten auf den Schienen stehend in die scheinbare Endlosigkeit der “ICE-Strecke bei Radefeld„. Oder ihr Objektiv lässt eine zur Hälfte gebaute Autobahnbrücke an sich herankriechen, bis dieses Ungetüm fast die gesamte Bildfläche füllt.

Neutrale Ästhetik

Zum anderen beruht der überraschende Effekt der Aufnahmen auf ihrer neutralen Ästhetik: Die Motive sind in gleichmäßiges graues Tageslicht getaucht, keine menschliche Bewegung stört ihre Ruhe. Kühl tastet die Kamera über Erdwälle, Betonmassen, Stromkabel und Drähte. Die Verkehrstrassen wirken so als Zerstörung der Natur, entfalten jedoch zugleich eine eigene bizarre Schönheit.

Eine weitere Serie von technisch brillanten Aufnahmen stammt aus Vietnam und Peru: atemberaubende Ansichten von Berghängen in kristallklarer Luft und Wäldern in milchigem Nebel.

Aus dem Rahmen realistischer Landschaftsfotografie fällt dagegen Schinks Langzeitprojekt “1 h„. Für dieses reist der Fotograf um den Erdball und hält vor einsamer Naturkulisse Sonnenauf- und -untergänge fest - allerdings nicht in farbseliger Postkartenmanier, sondern mithilfe einer einstündigen, extremen Überbelichtung. Das Ergebnis sind geisterhafte Schwarz-Weiß-Landschaften und ein Effekt, der “echte Solarisation„ genannt wird: Die Sonne erscheint infolge einer fotochemischen Umkehrreaktion als fremdkörperhafter schwarzer Balken am Himmel, je nach Breitengrad und Jahreszeit in unterschiedlichem Neigungswinkel.

Technische Spielerei

Auf den ersten Blick sind diese Aufnahmen besonders reizvoll, man meint wie im Traum oder während einer Halluzination in eine unbekannte Schicht der Wirklichkeit zu blicken. Bei längerem Betrachten jedoch nervt der penetrante schwarze Balken im Auge der Kamera. Zwar hat er als Dokumentation eines wichtigen optischen Zusammenhangs - Licht und Zeit - seinen Sinn, doch auf rein bildästhetischer Ebene bleibt er eine technische Spielerei. Der Vorzug der Fotografie, die Nähe zum menschlichen Auge, wird hier eben nicht genutzt. Zudem steht der gewaltige Aufwand für das Projekt in schlechtem Verhältnis zum Ergebnis. Viel einfacher ließe sich die Science-Fiction-Aura der Bilder mit einem Computerprogramm erzeugen. Freilich kann man über “1 h„ auch ganz anderer Ansicht sein - wie die Jury des “Real Photography Award„. Sie nahm Hans-Christian Schink im Jahr 2008 in die Riege der Preisträger auf. fxe1

Die Ausstellung “Hans-Christian Schink. Fotografie„ ist bis zum 27. März im Cottbuser Kunstmuseum Dieselkraftwerk zu sehen.