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Cottbus
Dokumentarisch, poetisch, manchmal rätselhaft

Joachim Richau, Aus der Serie Annaeherung und Begegnung Bilder aus Beerfelde 1984 bis 87, Silbergelatineabzug, Foto: Joachim Richau
Joachim Richau, Aus der Serie Annaeherung und Begegnung Bilder aus Beerfelde 1984 bis 87, Silbergelatineabzug, Foto: Joachim Richau FOTO: Joachim Richau / akg-images
Cottbus. Das Landesmuseum für moderne Kunst im Dieselkraftwerk Cottbus zeigt bis zum 28. Januar Fotografie von Joachim Richau unter dem Titel „Horizont oder die Illusion der Fremde“.

Mehr als 150 Arbeiten, die die Entwicklung des 1952 in Berlin geborenen Fotografen Joachim Richau nachvollziehbar machen, sind noch bis 28. Januar im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst (BLmK) im Cottbuser Dieselkraftwerk zu sehen. Die Ausstellung entleiht ihren Titel dem ersten Werkkomplex „Horizont oder die Illusion der Fremde 1984 – 1996“. Richau selbst teilt seine Arbeit in bisher drei solche Komplexe ein. In Cottbus sind vor allem seine frühen Arbeiten ausgestellt, eine gute Möglichkeit, dem Fotografen dabei zuzusehen, wie er nach und nach die Möglichkeiten seines Metiers erkundet, das er ab 1983 freischaffend betreibt.

Ermutigt zu diesem Schritt mag ihn der Erfolg seiner Serie „Annäherung und Begegnung – Bilder aus Beerfelde“ haben, die eher zufällig entstand. Zwei Maler-Freunde hatten Richau gebeten, sie in das kleine Dorf in der Nähe von Steinhöfel in der Uckermark zu begleiten. „Er sollte im Foto festhalten, was sich so schnell nicht auf Leinwand bannen ließ, das Wetter war wenig einladend“, erzählt Carmen Schliebe, Kustodin für Fotografie im Kunstmuseum. Zunächst war Richau wohl wenig begeistert von der dörflichen Tristesse, den meist einsilbigen Menschen. Doch durch die Linse betrachtet interessierte ihn mehr und mehr, was er sah.

Über die Jahre, Richau kam von 1984 bis 1987 immer wieder, entstand Nähe und zunehmend Begegnung. Waren es zunächst die menschenleeren, unbefestigten Straßen, der verwahrloste Friedhof, der Blick in einen heruntergekommenen Bauernhof, werden zunehmend die Dorfbewohner Protagonisten seiner Bilder. Und sie lassen ihn nahe an sich heran – die Frauen, die müde von ihrer schweren Arbeit auf dem Feld im Bauwagen Pause machen. Eine von ihnen hat den Kopf auf den Tisch gelegt, eine weitere sucht wohl noch nach ihren Stullen. Die anderen unterhalten sich über etwas, das sie offenbar belustigt. Oder das junge Paar am Küchentisch sitzend, dem irgendwie schon jetzt die Zukunft abhanden gekommen scheint. Jeder schaut in eine andere Richtung, Zweisamkeit allein. Trostlos. Eine Momentaufnahme, die die Kamera festhält.

Der Fotograf dokumentiert, und doch liegt mehr in diesen Bildern. Wie auch in den beredten Porträts, die in der Ausstellung als Tableau gehängt sind und so ermöglichen, zwischen den Gesichtern zu wandern. Beerfelde, der zunächst als langweilig empfundene Ort, hat Richau geholfen, sich als Fotograf zu finden und ihn in die Reihe namhafter Vertreter der DDR-Fotografie jener Jahre gerückt. Die Beerfelde-Serie hat das Kunstmuseum, das einen umfangreichen Fundus an Fotografie hat, in seinen Sammlungsbestand aufgenommen.

Kennzeichnend für die Arbeitsweise des Fotografen ist eine lange, nachdenkliche Auseinandersetzung mit einem Thema, erklärt Carmen Schliebe. So auch seine Arbeit an der Serie „Berliner Traum“, an der er von 1986 bis 1990 arbeitet und mit der er sein fotografisches Repertoire weiterentwickelt. Mittels interessanter Bildschnitte fängt er den Zeitgeist, die Auf- und Umbrüche der Vor- und Nachwendezeit ein. Das Brandenburger Tor von der Westberliner Seite aus. Viel Himmel, wenig Tor und an der rechten Bildseite ein Aussichtsturm, von dem aus die Wessis in den Osten schauen.

1990, als alle in den Westen fahren, zieht es Joachim Richau an die Ostgrenze, an Oder und Neiße. Seine Bilder strafen die so häufig strapazierten Worte vom Bruderbund Lügen. Zubetonierte Gleise, die nirgends hinführen, im Krieg zerstörte Brücken, deren Pfeiler noch immer nutzlos aus dem Fluss ragen. Nach lebendigem Austausch der Menschen beiderseits der Grenze sieht das nicht aus.

Rätselhaft und poetisch sind Richaus Polaroids unter dem Titel „Lenas Küche“. Entstanden sind diese auf der Oderinsel Kietz, kurz nachdem die Sowjetarmee sie geräumt hatte. Seit 1960 war die Insel Sperrgebiet, das erst 1991 aufgehoben wurde. Auf einem der Bilder der Name Lena in kyrillischer Schrift an die Wand geschrieben – namensgebend für die Serie, die Küche ist eher fiktiv.

Auf den anderen Polaroids kann man oft nur erahnen, was das Objekt vor der Kamera war. Der Fotograf verleiht, indem er bewusst Unschärfe nutzt, der Vergängnis fantasievollen Ausdruck. Es macht Spaß, sich von Richau mitnehmen und anregen zu lassen.

PS: Ein weiterer Werkkomplex „Fragment oder die Gegenwart des Zweifels“ ist noch bis 23. Dezember in der Alfred-Erhard-Stiftung Berlin, Auguststraße 75 zu sehen.

Ausstellung in Cottbus, BLmK, Uferstraße/Am Amtsteich, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr.