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| 15:18 Uhr

Interview
Ausnahmezustand im Amphitheater

Florian Schröder auf der Flucht zum Senftenberger See.
Florian Schröder auf der Flucht zum Senftenberger See. FOTO: Agentur
Großkoschen. Einer der Großen des deutschen Kabaretts befindet sich am kommenden Sonnabend im Stierkampf mit sich selbst. Von Heidrun Seidel

Zum dritten Mal ist Florian Schroeder am 18. August zu Gast im Amphitheater am Senftenberger See. Nach „Offen für alles und nicht ganz dicht“ im Jahre 2012 und „Entscheidet Euch!“ 2015 kommt er in diesem Sommer mit seinem aktuellen Programm „Ausnahmezustand“ nach Großkoschen. Im RUNDSCHAU-Gespräch lässt der Kabarettist, Moderator, Autor, Redner und „hauptberufliche Provokateur“ durchblicken, worin der besteht.

Herr Schroeder, was hat es mit dem Ausnahmezustand auf sich? Sie wirken auf dem Foto zum neuen Programm recht gehetzt, scheinen vor etwas weg- oder zu etwas hinzulaufen? Betrifft er Sie?

Schroeder Na klar, er trifft mich so sehr wie alle anderen auch. Und wer weiß heute noch, ob er auf der Flucht von etwas weg oder auf der Flucht zu etwas hin ist. Ob er gut ist oder böse? Und sind sich die beiden scheinbar so gegensätzlichen Begriffe vielleicht näher denn je?

In diesen sechs Jahren seit Ihrem ersten Senftenberg-Besuch hat sich Ihr kabarettistisches „Aufkommensfeld“ – also Politik und Gesellschaft – sehr verändert. Was früher künstlerische Überhöhung oder sarkastische Zuspitzung war, ist heute mitunter Alltag. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Schroeder Genauer hinzugucken, differenzierter zu werden und nicht der Versuchung erliegen so zu arbeiten wie die, die man vorgeblich kritisiert. Ich meine damit einen gewissen Populismus, dem jeder erliegt, der zuspitzt und mit Worten arbeitet. Zuspitzung ja, Vereinfachung nein. Die Welt verdichten ja, die Welt vereinfachen, nein.

Wir erleben eine unerträgliche Verrohung. Dass auf geschichtsträchtigen Plätzen in Dresden „Absaufen, absaufen“ skandiert werden kann, wenn es um die Rettung von Menschenleben geht, ist widerlich. Kann Kabarett da überhaupt noch ansetzen?

Schroeder Unbedingt. Es geht aber für mich weniger darum, nur auf die anderen zu zeigen, sondern sich der eigenen Verrohung zu stellen. Ich erzähle in der Show aus meinem Heimatbezirk Berlin Prenzlauer Berg, wo wir an unserer Kücheninsel – dem Thermomix für Leute, die noch kochen können – nur schöne, nachhaltige Bio-Gerichte kochen, die wir vorher achtsam eingekauft haben. Aber am Ende sind wir selbst die schlimmsten Rassisten. Wir hassen eben nicht den Moslem, wir hassen die Schwaben und andere Minderheiten, die in einer anderen Epoche stehengeblieben sind.

Ist das ein Grund, weshalb Sie sich aus meiner Sicht noch weiter von der Comedy hin zum politischen Kabarett entwickelt haben? Wollen Sie die Welt verändern?

Schroeder Nein, das wäre zu viel. Das ist nicht die Aufgabe von Kunst. Das wird dann schnell eine missionarische, eifernde Veranstaltung. Es geht darum, mir, dem Publikum, den Spiegel vorzuhalten, zu irritieren, vielleicht auch zu schockieren, so dass man am Ende rausgeht und sagt: Ich bin berührt, bewegt, erstaunt, was auch immer – und hoffentlich vor allem gut unterhalten worden.

Apropos Alltagsrassismus: Wie reagiert das Publikum auf Ihre Satire? Unterscheiden sich Ost und West, Nord und Süd?

Schroeder Nein, das sind Klischees. Die stimmen alle nicht. Die Publikumsreaktionen hängen von anderen Fakten ab. Zum Beispiel, wie bin ich als Künstler drauf, wie ist der Saal beschaffen, ist es vollbesetzt oder solche Dinge.

Ihre Kolumnen sind Teil des festen Programms von radioeins im RBB. Sie sind im Hessischen Rundfunk zu hören, im SWR und NDR zu sehen, Sie haben die beliebte radioeins-Satireshow im Kanzler-Tipi, gehen auf Tour und schreiben auch noch Bücher. Wie schaffen Sie das alles? Wie sieht so ein Schroeder-Tag aus?

Schroeder Weniger spektakulär als man glaubt. Er beginnt in der Regel damit, dass ich schon morgens die wichtigsten Nachrichten checke, mich dann an den Schreibtisch setze und entweder lese oder schreibe, je nachdem, was gerade los ist und wichtig ist. Das mache ich so bis zum frühen Nachmittag, dann mache ich eine Pause oder wenigstens etwas, was keinen produktiven Kopf erfordert, und abends mache ich manchmal noch eine zweite Runde. Es sei denn, ich habe frei oder bin auf Tour, dann stehe ich abends auf der Bühne. Also, auf Tour…, nicht, wenn ich frei habe. ;-)

Und trotz der vielen Arbeit sind Sie auch noch zum Frauenbeauftragten geworden. Wie kam das denn?

Schroeder Ob ich das bin, würde ich mal stark infrage stellen. Ich habe mal in der NDR-Talk-Show ein kleines Plädoyer gegen den Stress gehalten, den Frauen heute haben. Rowohlt, mein Verlag, fragte mich daraufhin, ob ich Lust hätte, aus dem Thema ein kleines Buch zu machen. Und diese Lust hatte ich. Es war ein schönes Projekt und spannend, die Welt mal mit den Augen des Mannes aus der Sicht der Frau zu sehen – zumindest war das mein Ziel.

Sie kritisieren, nutzen aber auch selbst die digitalen Medien – und twittern sogar. Folgen Sie auch Donald Trump?

Schroeder Unbedingt! Das gebietet ja schon meine Chronistenpflicht. Ich liebe die sozialen Medien, insbesondere Twitter ist der vielleicht wichtigste Kanal, wenn man an dem teilnehmen will, was man Diskurs nennt. Trotzdem darf und muss man das, was dort passiert, kritisieren. Das genau ist ja die Botschaft der Show: Es gibt kein schwarz und weiß, kein Medium an sich ist böse, es kommt darauf an, wie man es nutzt. Die Soziologen nennen das Ambiguitätstoleranz – das ist die leider viel zu wenig ausgebildete Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten, Unsicherheiten und Ungewissheiten anzunehmen und eben nicht in die Gesten der Verrohung zu verfallen.

Sie haben etwa alle drei Jahre ein neues Programm, mit dem Sie touren. Dann werden Sie also 2021 wieder ins Amphitheater kommen?

Schroeder Wenn man mich haben will, gern. Es hat sich für mich gut eingespielt, alle drei Jahre mit einem neuen Programm auf Tour zu gehen. Aber ich aktualisiere es ohnehin permanent, und bei der letzten Vorstellung ist vom Inhalt der ersten nicht mehr viel übrig. Das Amphitheater ist wie eine Arena und eine wunderbare Spielstätte. Da fühle ich mich wie bei einem Stierkampf gegen mich selbst.

Noch eine Frage zum Abschluss: Warum ziehen Sie eigentlich immer wieder Veganer durch den Kakao und lassen sich sogar auf Facebook dafür beschimpfen. Welches Trauma verarbeiten Sie mit diesem Lieblingsthema?

Schroeder Das habe ich bislang nur einmal getan und bin dafür beschimpft worden, als ich sie als humorlos bezeichnet habe. Diesen Frust, der hier entstand, kann ich natürlich verstehen. Der Verdacht der Humorlosigkeit hätte mich auch erregt. Heute mache ich mich nur noch darüber lustig, wie ich beschimpft wurde. Die Beleidigung „Verrecke, Du Sau!“ ist natürlich schon sehr schön. Wenn ich eine Sau bin, müssen doch gerade Veganer wollen, dass ich lebe. Wenn also Beleidigungen, dann bitte konsequent!

Mit Florian Schroeder
sprach Heidrun Seidel

18. August, 20 Uhr, Karten für 19 Euro im Vorverkauf an der Theaterkasse Telefon 03573801286 und an der Abendkasse (23 Euro)