Jahrzehntelang waren die Flucht und die Vertreibung von rund zwölf Millionen Deutschen aus Ostpreußen, den ehemaligen Ostgebieten, dem Sudetenland und Südosteuropa am Ende des Zweiten Weltkriegs kein öffentliches Thema. Die Aufarbeitung von NS-Verbrechen, insbesondere des Holocausts, stand im Vordergrund. Dass die Deutschen nicht bloß Täter waren, sondern auch zu Millionen den Verlust ihrer Heimat, Hunger, Vergewaltigungen, Mord und Krankheit erleiden mussten, passte dazu nicht. Sowohl die DDR als auch die Bundesrepublik akzeptierten das Unrecht, das ihren Bürgern widerfahren war. Dafür gab es - selbst wenn man das Erlittene nicht als Strafe für eine angebliche Kollektivschuld ansehen wollte - gute Gründe. Angesichts der politischen Machtverhältnisse waren Sühneforderungen nutzlos. Sie hätten zudem eine Versöhnung mit den Kriegsgegnern unmöglich gemacht. So blieb die schwierige Vergangenheit als Erzählstoff an den Familientisch oder in die Stuben der Vertriebenenverbände verbannt. Im Osten allerdings waren solche „Heimattreffen“ verboten. Die Erörterung der Vertreibung hätte den Vasallenstatus der DDR gegenüber der Sowjetunion und letztlich den Sozialismus infrage gestellt. Die Flüchtlinge hießen hier beschönigend „Umsiedler“ .
Inzwischen gilt es als legitim, auch die Opferrolle der Deutschen zu thematisieren. Allerdings riefen im vergangenen Jahr zwei Berliner Ausstellungen zur Vertreibung polnische Proteste hervor. Auch am ARD-Zweiteiler „Die Flucht“ hat sich bereits im Vorfeld eine Debatte entzündet.
Hauptfigur des Films ist die selbstbewusste Gräfin Lena von Mahlenberg (Maria Furtwängler). Als im Januar 1945 die Front näher rückt, führt sie die Angehörigen ihres ostpreußischen Gutes in einer verzweifelten Flucht über das vereiste kurische Haff. Regisseur Kai Wessel (der auch den Spreewald-Krimi „Das Geheimnis im Moor“ gedreht hat) baut Gräueltaten der Rotarmisten eher dezent in die Handlung ein. Eine Vergewaltigung und ein Fliegerangriff auf den Flüchtlingstreck werden ins Bild gesetzt. Der Fokus liegt auf dem widersprüchlichen Verhältnis der deutschen Akteure zum Nationalsozialismus. Die Aristokraten verachten den braunen Pöbel, bekämpfen ihn nicht, da er letztlich ihre Privilegien sichert. Eine einfache Frau aus dem Volk verdankt den Nazis bescheidenen Wohlstand. Ihr Sohn ist fanatischer Hitlerjunge, führergläubig bis zum bitteren Ende. Der französische Zwangsarbeiter Francois (Jean-Yves Berteloot) erinnert die Fliehenden daran, dass vor ihnen die unterdrückten europäischen Völker ähnliches Unglück erdulden mussten.
Natürlich darf in einer solchen Fernseherzählung für das breite Publikum eine Liebesgeschichte (zwischen Gräfin Lena und Francois) nicht fehlen. Sehenswert ist der Film trotzdem, zum einen wegen den ebenso malerischen wie beklemmenden Aufnahmen, die vermitteln, was viele Zuschauer nur aus den Erzählungen der Großeltern kennen. Zum anderen wird deutlich, dass die Helden und Leidtragenden dieses letzten Kriegskapitels vor allem Frauen, Alte und Kinder waren.
Wer dazu authentische Bilder, auch aus der Lausitz, sehen möchte, dem sei die dreiteilige Dokumentation „Zweite Heimat Brandenburg“ empfohlen, die der rbb heute Abend am Stück ausstrahlt. Brandenburg musste 1945 rund eine Dreiviertelmillion Ostflüchtlinge dauerhaft aufnehmen, das lief nicht ohne Konflikte mit den Eingesessenen ab. Im Film berichten Zeitzeugen, wie beide Seiten zu einem Miteinander fanden. Übrigens behandelt auch die Dokumentation „Hitlers letzte Opfer“ am Montag, 21.45 Uhr, im MDR die Geschichte der deutschen Flüchtlinge.