Sorbische Subkultur? Wie bitte? Solch fast blasphemische Zuschreibung hätte es noch vor wenigen Jahren nicht gegeben! Hatte doch die sorbische Kultur in der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft immer etwas Staatstragendes und für Außenstehende durchaus auch etwas Braves. Und doch gibt es seit wenigen Jahren diese „Subkultur“, wie es die Malerin Hella Stoletzki sieht.
Junge Sorbinnen und Sorben bringen sich auf neue Weise ein in die eigene Kultur und Kunst, formulieren einen Anspruch, der zwar nicht „dagegen“ ist, sich wegbewegt von den bekannten Traditionsformen und sich so der Malerei, im Rap, in Kunstaktionen, in feministischen Diskursen, aber auch in neuen Filmen wiederfindet. Dass die sorbische Sprache dabei im Mittelpunkt steht, versteht sich von selbst. Die 26-jährige Hella Stoletzki ist eine der bekanntesten Vertreterinnen dieser, nun ja, Subkultur.
Hella Stoletzkis Porträt "Anka" (Ausschnitt). Die Regisseurin und Rapperin vom Kolektiv Klanki ist mit einem Film beim Festival vertreten.
Hella Stoletzkis Porträt „Anka“ (Ausschnitt). Die Regisseurin und Rapperin vom Kolektiv Klanki ist mit einem Film beim Festival vertreten.
© Foto: Thomas Klatt, (c) Hella Stoletzki

Staffelübergabe bei der Sektion „Heimat“ beim Filmfestival

Hella Stoletzki ist nicht nur Malerin, gemeinsam mit Grit Lemke, die den Job abgibt, kuratiert sie zum ersten Mal die Sektion „Heimat I Domownja I Domizna“ beim diesjährigen FilmFestival in Cottbus. Hella Stoletzki wurde 1996 in Berlin geboren; die Familie zieht bald nach Cottbus, wo die Eltern eine ein Geschäft in der Innenstadt eröffnen. Da entstand wohl auch der Wunsch, in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten. Sie wissen alles über Tee und wie man ihn weltweit zubereitet und trinkt.
Doch Hella hat auch ein außergewöhnliches Talent zum Zeichnen und zum Malen. Und entscheidet sich, diesen wohl schwereren Weg zu gehen. Sie bewirbt sich an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und: wird im ersten Anlauf angenommen. Dass sie heute in der Kunstszene als großes Nachwuchstalent gilt, nimmt sie selbst nicht so wichtig. Sie weiß, dass sie erst am Anfang ihrer Entwicklung steht.

Ausstellung in der Kunsthalle Lausitz

Vor wenigen Tagen öffnete in der Kunsthalle Lausitz in Cottbus ihre Ausstellung mit dem sorbisch-englischen Titel „měki_soft“. Was man mit „sanft“ ins Deutsche übertragen könnte. Es ist nach einer kleineren Schau in der Galerie „Fango“ ihre erste größere Personalausstellung, bei der sie nun 20 zum Teil großformatige Arbeiten, präsentiert. Unübersehbar ist die Ästhetik der Leipziger Schule: mehr figurativ als abstrahierend. Mehr Porträts als Landschaft. Und immer sind kräftige Farben im Spiel, sie mischen sich mit blassen Flächen, die immer wieder Kontraste entstehen lassen.
Stoletzki bringt sich zuweilen mit Selbstporträts in die Bilder ein. Was heißen könnte: Ich bin ein Teil von euch, stehe mittendrin. Zu sehen ist auch eine Bilder-Serie, in der Menschen ihres sorbischen Umfeldes porträtiert sind. Diese Freundinnen und Freunde finden sich auch in Filmen wieder, die gerade beim Filmfestival präsent sind. Wie das Porträt von „Anka“, die mit richtigem Namen Sophia Ziesch heißt.

Wie klingt Heimat, fragt ein Film

Die Regisseurin und Rapperin vom Kolektiv Klanki, einem obersorbischen feministischen Rapkollektiv, fragt in dem Film „Křižerki“ (dt: Osterreiterinnen), warum in dieser jahrhundertealten obersorbischen Tradition keine Frauen vorgesehen sind. (Samstag, 12.11., 19 Uhr, Gladhouse). Auch dieser Film ist eine Weltpremiere. Ebenso wie die zwei Episoden zum Thema „Wie klingt Heimat?“ in der sich Felix Räuber von der Band Polarkreis 18 auf die Suche nach den Klängen der Lausitz macht. Inspiriert von den Klang- und Bildwelten der Lausitz hat Räuber neue Songs geschrieben, die er gemeinsam mit lokalen Akteurinnen und Akteuren präsentiert.
Aber nicht nur Sorbisches ist zu sehen und zu hören. In der Reihe „Dłujka Noc Krotkich Łužycanarjow / Die Lange Nacht der Kurzen Lausitzer“ kommt auch ein kurzweiliger Streifen über eine sorbisch-walisische Freundschaft („Hymna“), ein Projekt des sorbischen Kolektiw Wakuum, auf die Leinwand. Der Cottbuser Regisseur Erik Schiesko drehte ein Roadmovie, das eine Konzerttour jenseits tradierter Wege zeigt.
Nationale Minderheiten haben weltweit ähnliche Probleme, weiß Kuratorin Hella Stoletzki. Wie die Kärntner Slowenen in Österreich. Verlust der Muttersprache, Kampf um die Akzeptanz der eigenen Geschichte und Suche nach eigener Identität sind Themen, die sich in dem Spielfilm „Izginjanje / Verschwinden / Disappering“ von Andrina Mračnikar wiederfinden. (10.11., 10 und 19.45 Uhr, Gladhouse).

Auch Regisseurin Grit Lemke ist noch einmal dabei

Der Spielfilm „Der Krug an der Wiedau“ von Gary Funck ist eine Low-Budget-Produktion. (11.11., Gladhouse, 19 Uhr), die einige skurrile Aspekte bereithält, aber auch historische Bezüge vor 100 Jahren darstellt. Eine Leiche im Norden Deutschlands hängt über einem Grenzzaun. Doch wer ist zuständig? Die Dänen oder die Deutschen? Moderiert wird diese wilde Fünf-Sprachen-Produktion anschließend von Grit Lemke. Die erfolgreiche Regisseurin, Jurorin und Autorin („Gundermann Revier“, „Kinder von Hoy“ u.a.) hat viele Jahre diese Sektion des Festivals kuratiert. Nun übergibt sie an Hella Stoletzki. Für sie sind aktuelle Tendenzen im sorbischen Film und Filmproduktionen nationaler Minderheiten nicht neu. „Aber das Ganze ist auch eine Art Neuland“, sagt Stoletzki. Es sei ja das erste Mal, dass sie Filme kuratiere. Und schließlich sind sich Malerei und Film in dem, was die Kuratorin und die Malerin Hella Stoletzki ausdrücken will, ganz nah.