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| 02:42 Uhr

Filmende, nomadisierende Sozialtouristen

Filmausschnitt aus "Der Große Irrtum”, der am Samstag in Weißwasser zu sehen ist.
Filmausschnitt aus "Der Große Irrtum”, der am Samstag in Weißwasser zu sehen ist. FOTO: Agentur
"Liebe Kinder. Auch wir fragen uns: Wie wird es später um euren Marktwert stehen? Und wie viel sollen wir euch heute dafür abverlangen?" Damit beginnt der Film des Berliner Duos Olaf Winkler und Dirk Heth, die zwischen 2007 und 2011 das Projekt der Bürgerarbeit in einem Dokumentarfilm begleiten. Die RUNDSCHAU hat mit Olaf Winkler gesprochen.

Herr Winkler, wie ist dazu gekommen, dass Sie ihren festen Job gegen den eines Freelancers eingetauscht haben?
Ich hatte kurz nach der Wende einen Job bei der Post, später eine ABM-Stelle, habe dann nochmals studiert und bin seit dem Abschluss an der Filmhochschule 1997 immer nur Freiberufler gewesen. Mal ohne und mal mit Zuschüssen vom Jobcenter. Ich war ein Hartz-IV-Aufstocker. Auch der Regisseur des Films "Der große Irrtum", Dirk Heth, der auch als Kameramann im Film zu sehen ist und unserer Geschichte seinen Körper lieh, während ich die Stimme leihe, hatte ein ähnliches Leben: Halb angestellt und zur andern Hälfte freiberuflich. Auf keinem dieser Standbeine allein hätte er überleben können. Die eigene Betroffenheit hat mich also dazu getrieben, diesen Film zu drehen.

Sie beschäftigen sich in "Der große Irrtum" mit der Bürgerarbeit. Warum?
Die permanente, eigene sozial unsichere Situation brachte mich dazu. Man bekommt dann schnell einen Riecher für Alternativ-Modelle zur festangestellten Erwerbstätigkeit. ABM, SAM oder Ein-Euro-Jobs waren ja Alternativen, wenn auch mit starken "repressiven" Zügen. Und mit der Bürgerarbeit in ihren Anfängen schien einmal ein ganz neuer Ansatz aufzukommen. Wir haben diese Übergangsform des bedingten Grundeinkommens, das man mit freiwilliger, gemeinnütziger Arbeit bekommen hätte, sehr gemocht. Wir machen ja im weitesten Sinne auch Bürgerarbeit, kulturelle Bürgerarbeit.

Was können die Interessenten von Ihrem Film erwarten?
Im Film zeigen wir - aus einer sehr subjektiven Perspektive - zum einen kreative Betroffene, die sich nicht runter kriegen lassen und zum anderen die Entwicklung dieses Projektes "Bürgerarbeit". Damit geht ein weiteres Projekt in Kombination einher, die "Zeitbank". Wir beobachten diese Projekte etwa vier Jahre lang, von ganz unten beginnend bis in die Königsebene hinein, ja bis zum Punkt des Scheiterns. Und wir zeigen, wie wir selbst als quasi nomadisierende, filmende "Sozialtouristen" plötzlich selbst zu Betroffenen werden.

Ist Ihrer Meinung nach das Konzept der Bürgerarbeit gescheitert?
Ja. Es gibt einen gesellschaftstheoretischen Ansatz von Ulrich Beck, der heißt auch "Bürgerarbeit", der ist aus den späten 1980-er Jahren. Der ist für mich Maßstab. Dieses jetzt gerade ausgehauchte arbeitsmarktpolitische Projekt "Bürgerarbeit" ist aus dieser theoretischen Perspektive ein kleiner Versuch, einen Schritt vorwärts zu machen und unsere heutige Erwerbsarbeitsgesellschaft als eine Übergangsgesellschaft in etwas vollkommen Neues zu denken. Es war für mich ein beinah hoffnungsvolles Aufbruchssignal, auch wenn wir jetzt wieder zurückfallen. Was bleibt ist eine weitere historische Periode knallharten Marktdenkens.

Den Dokumentarfilm zeigen Sie bei kleinen Kulturvereinen. Warum nicht in großen Kinos?
Wir haben keinen Verleiher gefunden. Die glauben einfach nicht an eine wirtschaftliche Auswertung des Films. Und Wirtschaftlichkeit heißt: kostendeckend plus Gewinn. Oder anders gesagt: Viele zahlende Zuschauer zu mobilisieren. So funktioniert eben Marktwirtschaft. Der Film hat im herkömmlichen Sinne keinen Marktwert, oder besser gesagt, dieser wird ihm nicht zugeschrieben.

Mit Olaf Winkler

sprach Christian Köhler

Der Film "Der große Irrtum" wurde zwischen 2007 und 2011 in Ostdeutschland gedreht. Gezeigt wird er am Samstag um 21 Uhr in der Station Junger Naturforscher und Techniker in Weißwasser. Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen unter www.contract99.de