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| 10:09 Uhr

Cannes
Festspiele in Cannes im Zeichen der Me-Too-Debatte

Cannes. Die stärkste emotionale Reaktion ging von einer Schauspielerin aus, die im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes gar nicht angetreten war. Die Italienerin Asia Argento sollte den Darstellerinnenpreis mitvergeben, feuerte aber statt der abgelesenen Laudatio ein Statement ab: "1997 bin ich von Harvey Weinstein hier in Cannes vergewaltigt worden. Ich war 21 Jahre alt. Das Festival war sein Jagdrevier", begann die zierliche Schauspielerin mit Furor ihre Rede. Die Zuhörer waren schockiert. Barbara Schweizerhof

Die stärkste emotionale Reaktion ging von einer Schauspielerin aus, die im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes gar nicht angetreten war. Die Italienerin Asia Argento sollte den Darstellerinnenpreis mitvergeben, feuerte aber statt der üblichen Laudatio ein Statement ab: "1997 bin ich von Harvey Weinstein hier in Cannes vergewaltigt worden. Ich war 21 Jahre alt. Das Festival war sein Jagdrevier", begann die zierliche Schauspielerin mit Furor ihre Rede. Die Zuhörer waren schockiert.

Wut und Aufregung spürte man jedem ihrer Worte an, die sie direkt an das Publikum im Palais Lumiere richtete: an die, die Weinstein lange gedeckt hätten, und an die, die für ihr verbrecherisches Verhalten gegen Frauen noch nicht zur Verantwortung gezogen worden seien. "Wir werden euch nicht mehr davonkommen lassen", drohte sie. Der donnernde Applaus, der darauf folgte, klang fast so, als wollte er das eben Gehörte eher übertönen als es gutheißen. Die von Argento erhobenen Vorwürfe sind seit Beginn des Weinstein-Skandals bekannt und werden vom Angeklagten bestritten, trotzdem wirkte die Anspannung nach dem Auftritt lange nach: Die Vergabe der Palmen verlief wie in gedämpften Tönen.

Die höchste Auszeichnung des Festivals ging an den Japaner Hirokazu Kore-eda für sein Familiendrama "Shoplifters". Die meisten freuten sich über den Preis für einen der am besten besprochenen Filme des Festivals, dessen Regisseur wegen seiner verhaltenen, fein ausdifferenzierten Handschrift allzu oft schon übergangen wurde.

Trotzdem stand auch das Gefühl einer vertanen Chance im Raum - schließlich hätte eine Goldene Palme für eine Frau als Signal gegolten. Doch angesichts der immer wieder beschworenen Erwartungen in diese Richtung, war der Jury, um Eigenständigkeit zu beweisen, fast nichts anderes übriggeblieben, als von den Vorhersagen abzuweichen. Beide Darstellerpreise gingen an Außenseiter: an die Kasachin Samal Yeslyamova in "Ayka" und an den Italiener Marcello Fonte für "Dogman". Bester Regisseur wurde der Pole Pawel Pawlikowski für seine Liebesgeschichte "Cold War". Altmeister Jean-Luc Godard (87) bekam einen Sonderpreis für sein Videoessay "Le livre d'image".