Ein feines Festival, es präsentiert die enorme Vielfalt osteuropäischen Filmschaffens. Ein wichtiges, ein politisches Festival, denn es schaut hin, legt den Finger in Wunden - das war immer wieder zu hören in den vergangenen Tagen.

Hinschauen: Beispielgebend dafür ist der mit dem Dialogpreis geehrte georgische Wettbewerbsbeitrag "Das Haus der Anderen" von Rusudan Glurjidze. Eine Familie zieht nach dem Krieg in ein fremdes Haus ein, die Möbel der Vorbesitzer stehen noch drin . . . Der Streifen wurde 2012 im Rahmen des Festivals bei connecting cottbus auf den Weg gebracht.

Hinschauen: Tiefen Eindruck hinterlassen hat die Reihe "Spuren suchen: deutsch-polnisch-tschechische Geschichte(n) im Wandel". Das Thema Flucht und Vertreibung während der Nazi-Herrschaft und nach dem Zweiten Weltkrieg griffen Filme wie "Wir waren Juden aus Breslau" von Karin Kaper und Dirk Szuszies aus Deutschland, "Pflaumen" von Mark Ther (Tschechien) oder "Rose" von Wojtek Smarzowski aus Polen auf. Das Böse fällt auf den Absender zurück, das haben Sudetendeutsche, Schlesier oder Masuren bitter erfahren müssen.

Man kann sich dem Thema auch satirisch nähern, das hat Martin Duek mit "Mein Kroj" gezeigt. Der Regisseur aus Ceská Lípa (Böhmisch Leipa) bastelt sich eine Fantasie-Tracht und reist zum Sudetendeutschen Tag . . .

Aberwitz auf die Spitze getrieben

Ebenfalls auf Spurensuche gegangen ist auch Regisseur Tomá Maín mit der slowakisch-tschechischen Koproduktion "Wilsonstadt", der am Sonnabend nach der Preisverleihung in der Stadthalle Cottbus zu sehen war. Die Groteske beruht auf einer Erzählung des slowakischen Erfolgsautors Michal Hvorecký: Nach dem Ersten Weltkrieg ist die k. u. k.-Monarchie am Ende, die politische Situation unübersichtlich. Die von Ungarn, Deutschen und Slowaken bewohnte Stadt Bratislava soll zu Ehren des amerikanischen Präsidenten in Wilsonstadt umbenannt und in die USA eingegliedert werden. Da werden im jüdischen Viertel mehrere Menschen ermordet. Washington schickt natürlich Hilfe, einen extrem smarten FBI-Agenten, Spezialist für Untote und Okkultismus . . .

Realer Hintergrund ist natürlich die Schwierigkeit der Identitätssuche des alten Pressburg (ungarisch Pozsony). Aber wie in diesem Film der Aberwitz auf die Spitze getrieben wird, herrlich! "Wenn das Wetter schön bleibt, machen wir die Hinrichtung gleich am Sonntag. Der Krieg ist vorbei, die Leute wollen sich amüsieren." Oder aber: "Die Ehe ist das Ende der Intuition." Bratislava hätte auch Absurdistan heißen können.

Nur ein Einwand: "Wilsonstadt" ist mit 115 Minuten schlichtweg zu lang, um ihn sich nach einer Festival-Preisverleihung noch höchst entspannt zu sich zu nehmen.

Die Preisverleihung - wieder von Christian Mathée galant moderiert - braucht ja eben auch schon ihre Zeit. Gruß-, Lobes- und Dankesreden können nicht auf die Sekunde getaktet werden. Und man will schon hören, was beispielsweise Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) zu sagen hat: "Das Filmfestival Cottbus mit seiner hohen Problembeschreibungskompetenz ist ein wichtiger kultureller Botschafter Brandenburgs." Und man will auch fachkundig begründet bekommen, warum der Hauptpreis an "Zoologie" des 27-jährigen Ivan. I. Tverdovskij (Russland) geht. In dem Film sieht sich Zoo-Angestellte Natascha eines Tages in eine Art Tier verwandelt, das manchen Zeitgenossen erregt, Kleinbürger-Seelen verunsichert, Party-Tänzer schreckt. Kirche und Medizin sind ratlos.

"Starke Metapher"

Die Internationale Festivaljury war sich einig: "Ein Beitrag, der die perfekte Verbindung schafft zwischen hoher künstlerischer Qualität und einem außerordentlichen Feingefühl für menschliche Werte. In einer starken Metapher erzählt uns der Film eine originelle und emotionale Geschichte über Einsamkeit, Liebe, Hoffnung und Lebenswillen in einer Gesellschaft voller Bigotterie, Vorurteile und Gefühllosigkeit gegenüber anderen. Mit viel Humor, Ironie und echtem Gefühl hat uns dieser Film eine andere Perspektive auf Menschlichkeit gezeigt."

Der Regisseur, der von den Festivalmachern nur mühsam überredet werden konnte, nicht schon am Nachmittag nach Moskau abzufliegen, war durchaus überrascht: "Bei uns gibt es ein Sprichwort: Ein Blitz kann nicht den gleichen Baum zweimal treffen. Aber nun stehe ich hier . . ." Tverdovskij hatte schon vor zwei Jahren in Cottbus den Hauptpreis gewonnen: "Correction Class" ist unter dem Titel "Lenas Klasse" auch in deutschen Kinos gelaufen.

Den von der RUNDSCHAU gestifteten Publikumspreis bekam nicht überraschend die polnische Wohlfühlkomödie "Planet Single" von Mitja Okorn. Ein Film, der sich messen kann mit jedem Hollywood-Beziehungsblockbuster. Wem es da immer noch nicht warm ums Herz geworden ist, der konnte sich spätestens bei den Beiträgen aus dem diesjährigen Focus-Land Kuba aufheizen. Allerspätestens aber doch bei der Welturaufführung von "Kommissar Schlemmer: Enten weltweit" des Cottbuser Filmemachers Ralf Schuster.