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| 02:38 Uhr

Farben beißen in die Pupillen

Marc Jung: "Pegida Pädagogen", 2017.
Marc Jung: "Pegida Pädagogen", 2017. FOTO: MOZ/Uwe Stiehler
Frankfurt (Oder). Im Frankfurter Packhof des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst läuft derzeit eine Ausstellung mit Bildern des Erfurter Künstlers Marc Jung. Der wenig ermunternde Titel dieser Schau heißt "Das war die Zukunft". Uwe Stiehler / MOZ

Ohne kriminelle Energie hätte Marc Jung nicht zur Kunst gefunden. In seinen Sturm-und-Drang-Jahren gehörte er zu den Leuten, die sich nachts mit einem Rucksack voller Sprühdosen an unbelebte Orte schleichen, um sich an fremden Wänden zu verwirklichen. Er sagt, er habe das illegale Herumsprühen bald sein lassen, weil er rasch erwischt wurde - als er sich an einem Gebäude versuchte, das Eigentum einer Wohnungsgesellschaft war. Zur Strafe verpflichtete sie ihn offiziell zu einer Verschönerungsarbeit. "Ich durfte mich an einer großen Wand ausprobieren, obwohl ich noch gar nicht so gut war. Und die Sprühdosen haben sie auch noch bezahlt."

Die Resozialisierungsmaßnahme trug Früchte. Aus dem Erfurter Sprayer ist ein professioneller Künstler geworden mit Hochschulstudium und Meisterkurs, mit Arbeits- und Studienaufenthalten in New York, Jakarta und Wien. Eine Auswahl seiner knalligen Werke wird derzeit im Frankfurter Packhof des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst gezeigt. Der wenig ermunternde Titel dieser Schau heißt "Das war die Zukunft".

Ausgestellt ist unter anderem eine Art Horrortraum als Wimmelbild. Es heißt "Björning Down The House" (2016). Was sich mit "ein Haus niederbjörnen" übersetzen ließe. Was von Björn kommt, von Björn Höcke, dem übel herumkübelnden AfD-Fraktionschef Thüringens. Im Januar 2016 postete die Redaktion der Satire-Sendung Extra3 über Facebook, Höcke hetzte "schneller als sein Schatten. Und in Sachsen spricht man beim Abfackeln einer Flüchtlingsunterkunft schon von Björning Down The House."

Das als Hintergrund-Info zum Bild, auf dem Zähne gefletscht werden und giftig-bunte Farbe gesabbert wird, auf dem ein abgerissener Kopf herumliegt und ein Wolf mit aufgerissenem Maul hinter menschlichen Maulhelden herumschleicht. Man müsste sich mit den Augen an dem Bild festsaugen, um das unappetitliche Gewusel im Detail zu erfassen. Aber man hält es nicht aus. Die Farben beißen in die Pupillen, die Aggressivität dieses Werkes ist dem Gemüt ebenfalls nicht zuträglich.

Jung sagt, mit Arbeiten wie dieser wolle er testen, was dem Publikum zugemutet werden kann. An Inhalt und an Farbqual.

Er dreht dieses Experiment in "Pegida Pädagogen" (in diesem Jahr entstanden) noch weiter. In dessen Bildhintergrund knallt ein großflächiges Neonorange auf ein noch großflächigeres Neonpink. Eine Kombination, die Kopfschmerzen verursacht. Geboren ist es aus Marc Jungs Hassliebe zur wuchernden Allgegenwart der Neon-Töne. "Eine Sache, die ich richtig Scheiße finde", sagt der 32-Jährige, der zurzeit zwischen Erfurt und Berlin pendelt. Andererseits benutzt er diese Farben, weil ihm die normale Palette nicht genügt. Er will, dass seine Bilder so kreischen, dass man sich ihnen nicht entziehen kann.

Deshalb dieser hitzige Hintergrund bei den "Pegida Pädagogen". Diese Arbeit fragt, ob die, die vorgeben, die Hüter des Abendlandes zu sein, nicht gefährlicher sind als jene, vor denen sie meinen, uns schützen zu müssen.

Es sind die aus Schlag-Worten geborenen Ansichten, vor denen dieses Bild warnt, durch das eine verbogene Bombe fliegt, auf der "Gaensehaut" steht und auf dem ein als Teddybär verkleideter Schlagetot mit einer anderen hantiert, auf der in Spiegelschrift "Goose Bombs" geschrieben ist. Eine Sprachspielerei. Müsste man eigentlich mit Gänse-Bomben übersetzen, klingt aber wie das Englische goose bumps, wie "Gänsehaut" also.

Marc Jung sagt, früher hätte er noch mehr mit Sprache experimentiert, was man in der Ausstellung sieht. Auf einigen der etwas älteren Arbeiten haken sich krakelige Buchstaben, Wörter und Sätze neben Jungs Horrorgestalten fest. Warum eigentlich immer diese abgerissenen Köpfe, die blutenden Augen oder diese Anmutung von frisch gehäutet wie in "Bacon and Eggx" (2016)? Jung sagt, das sei sein Echo auf eine Welt, die sich selbst immer kaputter mache. Vielleicht sei das auch seine Art, das eigene Aggressionspotenzial auszuleben.

In der Turnhalle kann er das nicht mehr. Marc Jung war mal aktiver Ringer, hat mit 18 in der Zweiten Bundesliga gekämpft. Das ist vorbei, sagt er. Hat er aufgegeben. Ringen sei sowieso ein sterbender Sport. Jetzt greift er leere Leinwände an. Unter anderem mit Sprühdosen. Er benutzt sie neben klassischem Mal-Material für Hintergründe, Effekte, und um seine Neon-Hassliebe auszuleben. Aber nur weil er zur Dose greift, seien seine Bilder keine Graffiti. Der Unterschied liegt für ihn im Ort. Ein Graffito klebt irgendwo auf einer ollen Wand. Kunst hängt im Museum. Wie im Frankfurter Packhof zum Beispiel.

Marc Jung: "Das war die Zukunft", bis 24. September, Packhof, C.-Ph.-E.- Bach-Straße 11, Frankfurt (Oder), Di-So 11-17 Uhr, Telefon 0335 / 401560.