Es ist nicht mehr viel Zeit bis zur Premiere des 4. GlückAufFestes - wie weit sind Sie mit den Proben„
Wir sind mittendrin, mit der Tendenz, am Ende zu sein.

Was darauf schließen lässt, dass die Theaterferien quasi ausgefallen sind“
Zumindest waren sie kurz. Wir hatten inzwischen ja auch das 3. Internationale Komödienfestival. Die Arbeit hat uns also schon wieder eingeholt, aber sie macht mehr Spaß, als dass sie eine Last wäre.

Das Besondere an bisherigen GlückAufFesten waren mehr als ein Dutzend Stücke an einem Abend. In diesem Jahr gibt es nur eins. „Faust“ der Tragödie erster und zweiter Teil. Wie gestalten Sie daraus ein ganzes Theaterfest„
„Faust“ eins und zwei sind ja eigentlich bis sieben, acht Stücke in einem. Da gibt's das Puppenspiel, das Tanztheater, den Schwank, die Parodie, die Tragödie, auch fast so etwas wie die Operette und ein Schauspiel ist es natürlich vor allen Dingen. Uns bietet sich also eine breite Palette an Genres. Alle Versmaße, die es im Deutschen gibt, kommen vor. Vom Knittelvers bis zum Trochäus. Und das Stück spielt in unterschiedlichen Zeitepochen - in der Antike, im Mittelalter. Der „Faust“ hat also viele Facetten, die uns hoffen lassen, dass das Publikum ein ähnliches Angebot an Dramatik erlebt, als wenn wir verschiedene Stücke ausgewählt hätten. Außerdem nutzen wir die kleine und die große Reise durch die weite Welt, die Faust und Mephisto im ersten bzw. zweiten Teil machen, tatsächlich dazu, mit dem Publikum auch zu einer Reise aufzubrechen. Die kleine Reise findet im Theater statt und dann geht es in die Welt . . .

Wie das“ Sie wollen den „Faust“ erwandern lassen„
Erwandern nun gerade nicht, aber wir werden unterwegs sein in der Stadt Senftenberg und der Region. Das Papiergeld wird in der Sparkasse erfunden werden, nachdem das Publikum mit Bussen dorthin gefahren ist. Homunculus wird in den Laboren der Fachhochschule gezeugt werden. Die Begegnung mit Helena und der Versuch, die klassische Antike mit dem Hochmittelalter zu verbinden in Persona von Helena und Faust, wird im Schloss Senftenberg stattfinden. Das tragische Ende Fausts im Versuch, sich vom verzweifelten Intellektuellen wenigstens zum erfolgreichen Unternehmer entwickelt zu haben, scheitert am Rande eines ehemaligen Tagebaus in einer Fabrikhalle. Die Vertreibung von Philemon und Baucis wird dort stattfinden, wo früher einmal viele Dörfer der Braunkohle weichen mussten. Dort sterben nicht nur Philemon und Baucis, sondern auch ein Wanderer namens Zeus - also nicht nur das harmonischste Alterspaar wird getötet, sondern auch die Götter werden am Ende von „Faust II“ gemordet. Es handelt sich also um eine wirkliche Tragödie.

Wir erleben an einem Abend nicht nur verschiedene Spielstätten, sondern auch mehrere Fäuste . . .
. . . und Mephistos. Wir versuchen eben immer wieder, uns neu zu erfinden. Es hat allerdings auch mit Ensemblepolitik zu tun. Wenn man nur ein Stück hat, während sonst beim GlückAufFest für viele Schauspieler vier, fünf Rollen zu spielen waren, fragt man sich, soll wirklich einer den ganzen Faust und einer oder eine den ganzen Mephisto spielen und die anderen eher zuarbeiten“ Und kann den Faust auch schon einer oder eine komplett„ Ist das überhaupt das Spannendste“ Diesen Fragen nachgehend, sind wir darauf gekommen, dass sowohl Faust als auch Mephisto viele Wandlungen durchmachen: Anfangs als verzweifelter Intellektueller, am Ende als gescheiterter Unternehmer. Es gibt Verjüngungen und Zeitsprünge. So lag es nahe - andere Theater haben das auch schon gemacht - Faust und Mephisto von mehreren Schauspielern spielen zu lassen. Da die beiden zwei Seiten eines Prinzips sind, werden die beiden Darsteller vom Anfang am Ende ihre Ro llen tauschen: Faust wird Mephisto und Mephisto Faust. Nach der Verjüngung in der Hexenküche werden zwei junge Darsteller in die Rollen schlüpfen. Was nach der Verjüngung abgeht, ist ja bis zu Gretchens tragischem Tod eine richtige Teenie-Geschichte. Davor ist es eine Gelehrtentragödie eher unter älteren Herren.

Wie geht das im zweiten Teil weiter„
Hier treffen wir auf einen Faust mittleren Alters, der im weiteren Sinne auch mehr ein Kriegsherr ist. Auch Frauen erobert er fast auf kriegerische Weise. Am Ende begegnen wir einem alten Mann - gescheitert, blind, engstirnig, altersstarrsinnig. Dem Faust des zweiten Teils geben wir einen weiblichen Mephisto an die Seite.

Das ist ja nicht so ungewöhnlich in der Aufführungspraxis. Aber warum erst im zweiten Teil“
Faust kämpft um Helena, die ja, in der Antike angesiedelt, gar nichts vom mittelalterlichen Faust weiß und dann auch nichts von ihm wissen will. Aber er verfolgt Helena durch Jahrhunderte, fast wie ein heutiger Stalker. Wir fanden es spannend, diesen männlichen Größenwahn von einer Frau als Mephisto kommentieren zu lassen.

Der „Faust“ vereint als Goethes Alterswerk die Quintessenz seiner Lebenserfahrung wie seiner philosophischen Ansichten, ist vollgestopft mit existenziellen Menschheitsfragen. Was ist für Sie das Spannendste„
Ich beschäftige mich zum ersten Mal mit „Faust“ , insofern kann ich nicht schon den zweiten Schritt denken im Sinne von: Diesmal interessiert mich besonders . . . Ich wäre froh, wenn es mir und meiner Truppe gelingen würde, beide Teile zu entschlüsseln und auf eine heutige Weise übersetzen zu können. Es geht mir nicht darum, meine Weisheit dem Faust aufzudrücken, sondern die Weisheit des Goetheschen Stoffes zu entdecken und so aufzubereiten, dass sie ein Publikum auch wirklich erleben und verstehen kann. Denn mit dem, was wir in der Schule davon erfahren haben oder in manchen Inszenierungen davon sehen konnten, ist ja oft nur ein kleiner Teil der ganzen Dimension erreicht. Ich weiß auch nicht, wer es je schaffen wird, den „Faust“ ganz auszuloten, wahrscheinlich hat das auch Peter Stein mit seiner sechzehnstündigen Inszenierung nicht geschafft. Die hatte zwar alle Texte, aber ob sie nun wirklich der Weisheit letzter Schluss war“ Wir können uns in sechs Stunden auch nur nähern.

Die große Frage ist: Wie soll man leben„
Ja. Diese Frage, die sich ja auch der Zuschauer immer wieder stellt im Zusammenhang mit erlebten Geschichten auf der Bühne, kann man anhand des „Faust“ besonders aufregend stellen. Erschreckend ist für mich, wie richtig der Untertitel Tragödie ist. Es pflastern ja wirklich Tausende Leichen Fausts Weg. Der Zuschauer stößt auf Situationen, in denen er anders entscheiden würde. Faust versucht zu gewinnen, aber er verliert immer. Heutige Männer würden sich wahrscheinlich eher für das Zusammenleben mit Gretchen und das gemeinsame Kind entscheiden, statt Gretchen wahnsinnig werden und das Kind töten zu lassen. Fausts Entscheidungen sind meist unmenschlich oder übermenschlich.

Goethes Hauptwerk stand ja vor einigen Jahren schon einmal in Senftenberg auf dem Spielplan, warum haben Sie ihn jetzt für das GlückAufFest ausgewählt“
Ich muss als Intendant ja immer auf verschiedenen Ebenen entscheiden. Die eine ist mein künstlerisches Interesse, die zweite berücksichtigt das Finanzielle, die dritte die Ensemblepolitik, die vierte fragt nach dem Publikum. Eine Antwort könnte heißen, weil ich 50 000 Euro sparen musste, mir also auch keine anderen Regisseure leisten konnte. Das Budget der Neuen Bühne ist zwar gleich geblieben, aber vieles ist einfach teurer geworden und die Schauspieler müssen auch mal ein bisschen Bewegung in ihren Gagen sehen. Der einzige Regisseur, der nichts kostet, ist der Intendant.
Ich meine auch, dass nach drei Jahren kontinuierlicher Zusammenarbeit das Ensemble, die Belegschaft, das Publikum und ich dazu in der Lage sind, das „Faust“ -Projekt so anzugehen, dass es diese Neuinszenierung wert ist. Ich weiß, dass der letzte „Faust“ hier sehr erfolgreich war, aber er war eher eine Volkstheater-Inszenierung und stand noch ganz in der durchaus guten „Faust“ -Tradition der DDR. Ich möchte dem Publikum jetzt gerne eine neue Ästhetik, neue Sichten auf den „Faust“ und die veränderte gesellschaftliche Situation in meiner Inszenierung nahe bringen. Der erste Teil wird zum Beispiel komplett in der Mitte des Publikums spielen. Der Mittelpunkt der Welt ist die Mitte des Zuschauerraumes. Die Zuschauer sind die Menschheit, die Bühne ist die Welt, und Faust will wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Die Reise im zweiten Teil ist auch eine formale Entsprechung der Inhalte. Damit neu fürs Publikum und anders als bisher „Faust“ in Senftenberg.

Das GlückAufFest bietet ja nicht nur geistige Genüsse. Auf Reisen wird man hungrig.
In unserem Festzelt wird es wieder kulinarische Angebote geben. Vor Beginn des zweiten Teils bekommt jeder ein Stullenpaket mit auf die Reise. An jeder Station wird es Getränke geben und im Schloss, wenn Faust Helena findet, ist griechische Küche angesagt. Am Schluss, wenn alle ins Theater zurückgekehrt sind, wartet ein Nachtmahl auf Hungrige.

Mit von der Partie ist wieder die Gruppe „Wallahalla“ .
Von der ersten bis zu letzten Zeile begleitet unsere „Faust“ -Inszenierung eine durchgängige Komposition, die live von der Band gespielt wird. Sie kommentiert, bindet, verstärkt, rhythmisiert die Inszenierung.

Mit SEWAN LATCHINIAN
sprach Renate Marschall