"Der Kontrakt des Fotografen", so der Titel der Ausstellung in der Akademie der Künste Berlin, verfolgt die vordergründige Absicht, die gemeinsame Arbeit autonomer Partner am Bild sichtbar zu machen. Und das in einer Weise, wie man sie so kompakt in einer Präsentation selten erlebt.
Der Dritte im Bunde ist der unsichtbare Rezipient, dessen Phantasie sich beim Betrachten der oft skurrilen "Kontrakt"- Bilder nach Herzenslust austoben kann. Das gehört zum Konzept. Protagonisten der von Matthias Flügge (AdK) und Markus Heinzelmann (Museum Morsbroich, Leverkusen) kuratierten Schau sind 17 Künstler aus der Zeit von 1975 bis in die Gegenwart.
In dem "Kontrakt" sorgt in der Regel der Fotograf für den Rahmen des Bildgeschehens. Das Weitere wird der Person oder der Gruppe überlassen, die vor dem Objektiv agiert. Und das mit allen sich daraus ergebenden Risiken wie im Falle von Hypnotisierten, die sich 2000/01 freiwillig im Atelier der Fotografin Marjaana Kella in Helsinki zur Verfügung stellten oder der 1998 im grellen Licht entstandenen "Drug Series" des in New York lebenden Iraners Ashkan Sahihi.
In beiden Fällen sind Diskretion und Anonymität Grundvoraussetzung. Probanden dieser nicht unumstrittenen "Sitzungen" im Beisein von medizinischem Personal sind Freunde und Fremde. Ashkan Sahihis von Nichtsüchtigen im Studio aufgenommenen Drogen-Bilder räumen zum Beispiel gründlich mit der Verharmlosung von Suchtmitteln auf: Eiskalt ist der Blick des aggressiv sich gebärdenden jungen Mannes nach Einnahme von Hasch, die Frau unter Kokain wirkt erschreckend beziehungslos, die etwa Gleichaltrige ist offensichtlich unter Ecstasy von Hysterie befallen und der Mann mit dem sinnentleerten Gesichtsausdruck und den tief geröteten Augen hat Ketamine zu sich genommen und scheint kurz vor dem physischen und psychischen Zusammenbruch zu stehen.
Vor die Kamera geholt wurden Reiche und Arme, Obdachlose und Arrivierte, Politiker und Indifferente. Die in England lebende Foto- und Videokünstlerin Shizuka Yokomizo hat sich zwischen 1998 und 2000 dem Projekt "Strangers" (Fremde) zugewandt. Heraus kamen Porträts von einander völlig fremden Personen, die sie brieflich gebeten hatte, sich zu einer bestimmten Zeit am Fenster aufzustellen und zehn Minuten in eine auf der Straße stationierte Kamera zu schauen. Die so entstandenen Bilder zeigen Männer und Frauen, die ihre Überraschung nicht verbergen können und sich irritiert oder verkrampft selbstbewusst der Kamera zuwenden .
Boris Michailow (Charkow und Berlin) dagegen zeigt in seiner Serie "Wedding" (2005/06) ein Pärchen aus dem sozialen Abseits, das seine gegen Entlohnung vor der Kamera zugewiesene Rolle im wortwörtlichen Sinne schamlos ausnutzt und bar jeder Kleidung trinkend und tanzend in seiner Wohnung fröhlich herumtobt. Wie so oft ist hier die Wahrheit eine vor und eine hinter der Kamera. Von Bild zu Bild und von Schluck zu Schluck verselbständigt sich der Reigen mit einer Eigendynamik des Hergangs, den die "Antihelden" in ihrem verwahrlosten Zimmer, ihrem Reich, selbst bestimmen. Die an manchen Stellen unscharfen Bilder sind nicht nur ein Kunstgriff, sie schützen auch die private Sphäre der im Grunde genommen liebenswerten Akteure aus dem Milieu so genannter Randexistenzen.
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Berlin Tiergarten, bis 7. Januar, Di- So 11 - 20 Uhr geöffnet, Katalog 30 Euro.