Von Peter Blochwitz

Ein neuer Tag, der Fuchs erwacht, räkelt sich, betreibt ein wenig Morgentoilette und begrüßt das Wildschwein, das nach Reimen sucht. Und es ist nicht nur irgendein neuer Tag, sondern heute werden Fuchs und Wildschwein einer Eintagsfliege beim Schlüpfen zuschauen.

Aber eben, es ist eine Eintagsfliege ... Sollte man sich da nicht lieber verdünnisieren? Was, wenn die kleine Fliege hübsch ist? Wenn man sich mit ihr anfreunden könnte, sich vielleicht sogar in sie verlieben? Das geht doch nicht! Sie hat doch nur diesen einen Tag, und das müsste ihr auch jemand beibringen. Ach, „Lügenbaume wachsen auf erfundener Erde ...“

Fuchs und Wildschwein haben also ein handfestes Problem. Zumal die Fliege, die sich für eine Maifliege hält und ihrer Meinung nach also ganz, ganz lange leben wird, wirklich total niedlich ist! Die beiden drucksen herum: Gewiss, man sei schon irgendwie betrübt. Denn der Fuchs, der würde nämlich den heutigen Tag nicht überleben. Da weiß die Fliege genau, was zu tun ist: „Ihr seid traurig, also gehen wir das Glück suchen!“ Dann muss eben ein ganzes Leben in diesen einen Tag gepackt werden: Wer nur einen Tag hat, braucht das ganze Glück in 24 Stunden.“ Also kann sich der Fuchs nach Herzenslust im Hühnerstall austoben, aber natürlich muss auch Schulunterricht sein, dann wird Geburtstag gefeiert, man verliebt sich, eine Heirat steht an, das Spiel Vater, Mutter, Kind darf nicht fehlen, Szenen einer Ehe gehören dazu, und schließlich: Die kleine Fliege ist erwachsen geworden, groß und erfolgreich, denn sie arbeitet in einem Zirkus, wo sie fleischfressende Pflanzen dressiert!

Autor Martin Baltscheit hat eine herzerwärmende Fabel von Freundschaft und Mut, von der Vergänglichkeit der Zeit, vom Glückserleben geschrieben. Im Jahr 2014 wurde „Nur ein Tag“ mit dem Kinder- und Jugendhörbuchpreis ausgezeichnet und 2017 von Baltscheit verfilmt. Das Stück ist gedacht für Kinder ab fünf Jahren, was offensichtlich funktioniert – die kleinen Premierenbesucher waren in den Bann gezogen und haben eifrig „mitgearbeitet“. Und Erwachsene lassen sich anrühren von dieser menschlichen Geschichte mit Tierfiguren – überzeugend, nicht aufgesetzt gespielt von Alrun Herbing (Fliege), Daniel Borgwardt (Wildschwein) und Patrick Gees (Fuchs). Es kann ja nie schaden, gelegentlich innezuhalten und in sich hineinzuhören: Lebe ich denn (noch) mein Leben, nutze ich den Tag?

Regie führt Alice Asper, die an der Neuen Bühne bereits bei „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute“ Fingerspitzengefühl für sensible Themen bewies. Für die fantasievolle Ausstattung in der Studiobühne sorgt Holger Syrbe.

Aber wie geht es denn eigentlich aus für die arme Eintagsfliege, musste man denn nicht doch bangen? Hier eine versöhnliche Lösung gefunden zu haben, gehört zu den Stärken der Geschichte, wenngleich sich die Erklärung für die kleineren Kinder wohl eher nicht rational herstellt. Sondern, und dafür ist es ein Kinderstück, sich aus der Gesamt­stimmung ableitet. Eine zügige Inszenierung mit Sinn und Spaß.