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| 18:30 Uhr

Vor der Premiere
Wie Schauspieler so richtig alt aussehen

 Chefmaskenbilderin Steffi Pietralczyk (l.) und Annett von Nordheim zaubern in „Ewig jung“ das Alter ins Gesicht.
Chefmaskenbilderin Steffi Pietralczyk (l.) und Annett von Nordheim zaubern in „Ewig jung“ das Alter ins Gesicht. FOTO: Marlies Kross
Von wegen „Ewig Jung“. Der Titel täuscht. In Erik Gedeons gleichnamigem Songdrama, das am Freitag in der Theaterscheune des Staatstheaters Cottbus Premiere hat, sind alle plötzlich alt. Von Ida Kretzschmar

Ehe man sich’s versieht, landet man auf einer ausgelassenen Ü90-Party. Da ist Musike drin. Schauspielkapellmeister Hans Petith greift als greiser Pianist in die Tasten. Gemeinsam mit drei Schauspielerinnen und drei Schauspielern ist er durch die Jahrzehnte gereist – in eine ungewisse Zukunft. Das Theater hat dichtgemacht, doch die Theaterurgesteine haben sich nicht aus den Augen verloren, auch wenn diese schon etwas trübe geworden sind. Und so schwelgen die Alten in Erinnerungen und ergeben sich dem Rausch des Rock ’n’ Roll, nur ein wenig gestört von einer allzu beflissenen Krankenschwester.

Was für die Schauspieler wie ein übermütig-tragikomischer Blick in die Zukunft daherkommt, ist für die Maske eine besondere Herausforderung: „Wir können nicht einfach welke Gesichtsteile aufkleben, um jemanden optisch altern zu lassen. Dafür sitzen die Zuschauer in der Theaterscheune zu nah dran. Also versuchen wir, die Schauspieler durch Schminken und Perücken alt aussehen zu lassen“, erzählt Annett von Nordheim, die gemeinsam mit der Chefmaskenbildnerin Steffi Pietralczyk für die Masken der Mitwirkenden in diesem Songdrama verantwortlich ist.

Während bei Schauspielern in der Mitte des Lebens und darüber hinaus „Tiefen umhüllt“ werden, wie es von Nordheim diskret umschreibt, reicht das bei der jüngsten Darstellerin Sophie Bock nicht aus. „Old Age Stipple nennt sich ein Latex-Spezialpräparat, das hilft, schrumplige Haut vorzutäuschen. Die entsprechende Hautpartie wird mit den Fingern gestrafft, Old Age Stipple dünn aufgetragen und nach dem Antrocknen wieder entspannt. Schon hat sich der gewünschte Falteneffekt eingestellt“, erklärt die Maskenbilderin, die für die junge Schauspielerin auch eine Perücke entworfen hat, die nur von wenigen schütteren Haarflusen bedeckt ist und Kopfhaut durchschimmern lässt. „Kontaktlinsen sorgen dafür, dass auch der Blick wie vom Alter verschleiert wirkt“, ergänzt sie.

Schon vor den ersten Proben wurden die Maskenbildner in das Stück eingeweiht. „In Figurinen gibt Ausstatter Hans-Holger Schmidt den Gesamteindruck vor, den jede Figur ausstrahlen soll. Und danach stellen wir uns darauf ein, welches Make-up erforderlich ist, wo Schnurrbärte geklebt werden oder welche Perücken hergestellt werden müssen“, sagt sie. Sigrun Fischer wird in eine vornehme alte Dame verwandelt mit 30er-Jahre-Frisur und edlem Look. Thomas Harms erhält eine Zopfhaarperücke, die ein wenig an den Vater von Kriminalhauptkommissar Frank Thiel aus dem Münsteraner „Tatort“ erinnert. Kai Börner bekommt dezente graue Locken, Axel Strothmann eine dünne weiße Haarperücke. Auch eine Diva-Perücke muss her, die zunächst verbirgt, was der Zahn der Zeit (oder eben die Maskenwerkstatt) angerichtet hat.

Das meiste wird hier neu geknüpft. Chefmaskenbildnerin Steffi Pietralczyk kann sich dabei darauf verlassen, dass alle zehn Mitarbeiterinnen der Werkstatt helfen, wenn eine Produktion wie diese einmal mehr Aufwand benötigt.

„Für uns ist es schon etwas Besonderes, dass wir bei allen Schauspielern, ausgenommen Josephine Fabian als Krankenschwester, tüchtig mit dem Alter mogeln müssen. Wir brauchen für jeden mehr Zeit in der Maske“, sind sich die beiden Frauen einig. „Es reicht ja nicht, das Alter ins Gesicht zu schminken. Entscheidend sind letztlich das Spiel, die Bewegungen, um den gewünschten Effekt zu erzielen“, sagt Steffi Pietralczyk. In der Maske entwickele sich noch einiges bis zur Premiere. Man müsse sehen, wie die Perücken sitzen, wie sich jeder in seiner zweiten Haut fühlt, ob es Proteste gibt.

„Ich finde es leichter, jemanden jugendlich frischer erscheinen zu lassen als einen jungen Schauspieler um Jahrzehnte altern zu lassen“, erzählt Annett von Nordheim, die nach einer Friseurausbildung in Zella-Mehlis und weiterführenden Schulen in Cottbus zur Maskenbildnerin ausgebildet wurde und dorthin zurückkehrte, als eine Stelle in der Werkstatt frei wurde. Heute fühlt sie sich in Cottbus zu Hause.

Und was war ihre bisher aufwendigste Maske? Ein Hasenkopf für „Alice im Wunderland“. „Ich habe lange daran herumgebastelt. Der Tänzer muss damit nicht nur gut sehen, sondern sich auch gut bewegen und den Kopf selbst leicht auf der Bühne abnehmen können, wobei dann noch seine Hasenohren aufklappen“, erzählt sie.

Annett von Nordheim hat nicht nur gelernt, mit den verschiedensten Materialien umzugehen, sondern auch mit den unterschiedlichsten Menschen. Gemeinsam mit der Chefmaskenbildnerin ist sie für die Maske von Schauspiel und Ballett zuständig, hat einen Draht dafür entwickelt, wann jemand reden oder lieber in Ruhe gelassen werden will. „Bei heiteren Stücken wie ,Ewig jung’ ist die Stimmung meist gelassener“, verrät die 35-Jährige. Wobei es dadurch allerdings noch schwieriger wird mit dem Alt-Aussehen...
Zur Premiere am Freitag, 19.30 Uhr in der Theaterscheune kann an der Abendkasse nach Restkarten gefragt werden; für die Vorstellung ab 14. Februar sind Karten erhältlich im Besucherservice sowie online über www.staatstheater-cottbus.de, Ticket-Telefon 0355/ 7824242.