ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:14 Uhr

Ehrung
Europa-Preis auf der Buchmesse: „Einer von uns“

Åsne Seierstad schrieb einen Roman über den Attentäter Breivik.
Åsne Seierstad schrieb einen Roman über den Attentäter Breivik. FOTO: Sigrid Harms / dpa
Leipzig. Die Norwegerin Åsne Seierstad wollte verstehen, warum der Attentäter Anders Behring Breivik 77 Menschen kaltblütig töten konnte. Für ihren dokumentarischen Roman „Einer von uns“ wurde sie gestern in Leipzig mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Im Interview erklärt die 48-Jährige, warum sie solch schwer zu durchdringende Themen wählt. dpa

Die Norwegerin Åsne Seierstad wollte verstehen, warum der Attentäter Anders Behring Breivik 77 Menschen kaltblütig töten konnte. Für ihren dokumentarischen Roman „Einer von uns“ wurde sie gestern in Leipzig mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Im Interview erklärt die 48-Jährige, warum sie solch schwer zu durchdringende Themen wählt.

In der Begründung der Jury heißt es, Ihr Buch sei ein beeindruckender Versuch, zu verstehen. War das auch Ihre Motivation, sich mit den schrecklichen Anschlägen zu beschäftigen?

Seierstad Ja, ich wollte herausfinden, wie das geschehen konnte. Wie es möglich war, dass dieser Typ, der sogar hier in der Nähe aufgewachsen ist, so eine schreckliche Terrortat begehen konnte. Es ist ja nicht so, dass er sich rächen wollte, weil ihm selbst Unrecht zugefügt wurde. Er ist einer von uns. Was also hat ihn dazu gebracht, dass er sein eigenes Land, seine eigene Regierung, diese Jugendlichen angreift? Das wollte ich gern verstehen.

Gilt das auch für Ihren neuen Roman „Die Schwestern“?

Seierstad Meine beiden letzten Bücher sind der Versuch, die zu verstehen, die Europa ablehnen. Das gilt für Breivik, der Europa angreift, auch wenn er vorgibt, er wolle Europa retten. Und das gilt für die beiden Mädchen, die nach Syrien gehen. Sie verneinen ja auch Europa, indem sie sich einer Terrorgruppe anschließen. Das ist ja etwas, was wir hier in Nordeuropa schwer verstehen können.

Und verstehen Sie Breivik jetzt besser?

Seierstad Ja, natürlich. An „Einer von uns“ habe ich zweieinhalb Jahre gearbeitet. Wir können uns nicht darauf beschränken, welcher Ideologie er sich angeschlossen hat. Wir müssen auch sehen, was ihn in seinem Leben dazu gebracht hat, dass er von so einem Reinheitsgedanken besessen war, von so einer faschistischen Ideologie. Warum er dachte: „Wenn ich nur die und die töte, wird alles gut. Wenn ich die ausmerze, können wir eine neue Gesellschaft aufbauen.“ Ich glaube, Breivik ist ein Beispiel für fehlende Zugehörigkeit, fehlende Sicherheit, fehlende Bindungen. Er fühlt sich klein und will groß sein. Und er entwickelt so eine Idee, dass er eine ganze Armee hinter sich hat.

Mit Åsne Seierstad
sprach Sigrid Harms, dpa