Vicky ist selbstbewusst und nicht auf den Mund gefallen. Die 14-Jährige haut Sprüche raus wie: "Amor, gib mir diesen Pfeil. Ich mach den Scheiß jetzt alleine." Gegen unerwünschte Kommentare kann sie sich schlagfertig wehren: "Sehe ich aus wie eine Bratwurst oder warum gibst Du Deinen Senf dazu?"

In Vickys neuer Schulklasse kommt diese toughe Art allerdings nicht gut an. Bei ihrer Integration in das neue Sozialgefüge scheint von Anfang an der Wurm drin zu sein. Grund für die feindselige Stimmung dürfte vor allem die Eifersucht der Chefblondine Larissa sein. Deren Freund, der Klassen-Obermacker Lukas, findet die Neue offenbar recht attraktiv und lädt sie zu seiner Party ein. Die Feier endet für die vergnügungslustige Vicky im alkoholischen Totalabsturz inklusive öffentlicher Magenentleerung und Verlust ihres Han dys. Anschließend tauchen aus diesem Mobiltelefon Nacktfotos, die Vicky in einer Blödellaune von sich gemacht hat, auf Facebook auf, begleitet von hämischen anonymen Kommentaren gegen "Vicky-Ficki".

Vicky stellt sich daraufhin wütend, aber eigentlich hilflos, vor die Klasse. Wenn solche "Späße"in Zukunft unterbleiben, wolle sie den Tätern noch einmal verzeihen, verkündet sie.

Der Mobbing-Terror eskaliert jedoch weiter. Vermummte Mitschüler entkleiden Vicky mit Gewalt, sie beschmieren und demütigen das Mädchen und filmen es dabei. Das Video wird ebenfalls ins Netz gestellt. Das Opfer sieht keinen anderen Ausweg und unternimmt einen Selbstmordversuch, der glücklicherweise scheitert.

Knut Winkmanns rund 45-minütiges Ein-Personen-Stück "Out! Gefangen im Netz" bringt diese Handlung nicht eins zu eins auf die Bühne. Vicky selbst tritt - abgesehen von ihrer verzweifelten Stimme auf einer Telefon-Mailbox - überhaupt nicht auf. Es ist ihr älterer Bruder Dominik (Simon Elias), der das Geschehen aus der Außenperspektive, aus Bruchstücken, den Erzählungen seiner Schwester sowie den Bildern und Texten aus dem Internet, zu rekonstruieren versucht.

Sewan Latchinian hat dieses Stück, das als "Mobile Klassenzimmerproduktion" in realen Schulen gezeigt werden wird, sehr konsequent, schlüssig und schlicht umgesetzt. Bühne und Zuschauerraum fallen ins eins: Schauplatz ist ein gewöhnliches Klassenzimmer (Ausstattung: Tobias Wartenberg), wo die Zuschauer auf den Schülerbänken sitzen. Dominik kommt als Besucher in diesen Raum und hält eine Ansprache, in der er das Schicksal seiner Schwester schildert. Als wirkungsvoller dramaturgischer Kunstgriff stellt sich erst am Ende der Aufführung heraus, zu wem Dominik eigentlich spricht: Vicky hat erneut die Schule gewechselt. "Gebt ihr eine Chance", bittet der Bruder ihre künftige Klasse.

Simon Elias als Dominik spielt die Mobbing-Geschichte sehr lebendig, vielseitig und jede Minute packend. Er erzählt die Handlung, indem er die Beteiligten des Geschehens gestisch und sprachlich in geradezu karikaturhafter Überspitzung nachstellt: Die zunächst lebenslustige und selbstbewusste Vicky, mit fröhlichen V-Fingern als ihren Markenzeichen für die omnipräsenten Digitalkameras posierend. Die hochnäsige Klassenschönheit Larissa. Tuschelnde Lästerzungen. Zudringliche Typen im aggressiven Testosteronrausch. Eine desinteressierte, beschwichtigende Lehrerin. Vickys wegen der Schmuddelkampgane auf Facebook hilflos-polternde Eltern. Und schließlich den gewalttätigen Übergriff vor laufender Kamera auf das verängstigte, an sich selbst zweifelnde, total demoralisierte Mädchen.

Es ist ein sehr eindringlicher, gelungener Auftritt, auch mit viel Charme und Witz, ohne dass der Ernst des Themas jemals in Vergessenheit geriete. Sewan Latchinian, der als Intendant in diesem Jahr an das Volkstheater Rostock wechseln wird, stellt mit dieser letzten Inszenierung seiner beeindruckenden Senftenberger Ära noch einmal seine große Klasse als Regisseur unter Beweis.