So hat der Rowohlt Verlag für den Jubilar bei der Leipziger Buchmesse unter dem Titel "79plus" einen Abend im Schauspielhaus organisiert, bei dem er aus seinem neuen Gedichtband "Das geschundene Tier" vortragen und mit dem Literaturkritiker Martin Lüdke plaudern wird.
Mit Vorliebe beschreibt der Autor den Alltag von Normalbürgern, ihre Ängste, Sehnsüchte und Befindlichkeiten. Einfühlsam, mit großer Erzählkunst und feiner Ironie zeichnet Walser seine Helden, die sich meist als minderwertige Versager empfinden. Mit einer Sprachvirtuosität ohnegleichen spürt er dem Lebensgefühl von Vertretern, Lehrern oder Immobilienmaklern nach. Dabei nennt er Intimes, Peinliches oder Grausames gleichermaßen beim Namen. "Alles entblößen, um alles zu verbergen", lautet seine Maxime.
Mit provokanten Äußerungen hat sich Walser gerne auch in aktuelle Diskussionen eingemischt. So erregte er 1988 großes Aufsehen mit dem Bekenntnis, er könne sich mit der deutschen Teilung nicht abfinden. Hatte er in den 1960er-Jahren noch Wahlkampf für die SPD gemacht und zeitweise gar als Sympathisant der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) gegolten, wurde er nun in die rechtskonservative Ecke gedrängt.
Zu heftigen Reaktionen war es 1998 nach seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gekommen: Er kritisierte die "Instrumentalisierung von Auschwitz" und die ständige Thematisierung des Holocausts als "Moralkeule", die nur den gegenteiligen Effekt erziele. Im Mittelpunkt einer scharfen Kontroverse stand Walser 2002 wegen seines satirischen Romans "Tod eines Kritikers", in dessen Protagonisten viele Marcel Reich-Ranicki erkannten. Der Autor beklagte sich über die "Hinrichtung seines Werkes".
Geboren wurde Walser 1927 in einer katholischen Familie in Wasserburg am Bodensee. Seine Eltern hatten eine Gastwirtschaft. Im Zweiten Weltkrieg war er Flakhelfer und geriet 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Nach dem Abitur in Lindau 1946 studierte er Literatur, Geschichte und Philosophie in Regensburg und Tübingen. Von 1949 bis 1957 arbeitete er als Reporter und Hörspielautor beim Süddeutschen Rundfunk (SDR) in Stuttgart.
1953 schloss er sich der "Gruppe 47" an, die ihm 1955 einen Preis für die Erzählung "Templones Ende" verlieh. Seither hat Walser fast alle großen Literaturpreise erhalten, etwa den Hermann-Hesse-Preis für sein Romandebüt "Ehen in Philippsburg". Zu seinen bekanntesten Werken zählt die Novelle "Ein fliehendes Pferd" (1978), die von der Kritik als Glanzstück bezeichnet wurde und im Herbst ins Kino kommt. Unvergessen sind auch seine Romane "Seelenarbeit" (1979), "Das Schwanenhaus" (1980), "Brandung" (1985) und die auf einer wahren Affäre basierende Geschichte "Finks Krieg" (1996).
Als einer der ersten Autoren legte Walser mit "Die Verteidigung der Kindheit" (1991) einen Roman zur Wiedervereinigung vor. Von der Kritik ebenfalls sehr gelobt wurde sein autobiografischer Roman "Ein springender Brunnen" (1998), in dem der Schriftsteller über seine Kindheit reflektiert.
Zu Walsers vielschichtigem Werk gehören auch Theaterstücke wie "Eiche und Angora" (1962) sowie Lyrik, Essays und Aufsätze. "Leben und Schreiben" (Titel seiner Tagebücher) sind für ihn untrennbar verbunden.
Trotz seiner unzähligen Reisen und seiner Aufenthalte als Gastdozent in den USA ist Walser der Bodensee-Heimat treu geblieben. Unweit seines Geburtsortes lebt er seit fast 40 Jahren im Überlinger Ortsteil Nußdorf. Seit 1950 ist Walser mit seiner Frau Käthe verheiratet. Stolz ist er auf die vier Töchter, die alle künstlerisch tätig sind - als Schriftstellerinnen oder Schauspielerinnen.