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| 09:35 Uhr

Kultur
Wundertäterin und Heumacher in Glückslandschaft

 Eva und Erwin Strittmatter während der lebensentscheidenden Begegnung am 23. Februar 1952 im Potsdamer Kulturbund-Klub.
Eva und Erwin Strittmatter während der lebensentscheidenden Begegnung am 23. Februar 1952 im Potsdamer Kulturbund-Klub. FOTO: archiv
Exklusiv | Spremberg/Berlin/Schulzenhof. Erstmals veröffentlichte Briefe von Eva und Erwin Strittmatter erzählen von großer Liebe. Am 31. Januar vor 25 Jahren starb der Lausitzer Dichter. Von Ida Kretzschmar

Schon nach der ersten Begegnung im Februar 1952 ahnt Erwin Strittmatter, der als freier Schriftsteller in Spremberg lebt: Das ist „entweder meine ganz große letzte Liebe oder mein Untergang“. Und nur ein Jahr später jubelt der Vierzigjährige: „Mein Lebenssommer beginnt“.

Diesen Überschwang der Gefühle löst die 22-jährige Eva aus, die beim Schriftstellerverband Berlin arbeitet, als sich beide zum ersten Mal treffen. Während einer Tagung der Jungen Autoren in Potsdam kommen sie sich in der Nacht vom 23. zum 24. Februar 1952 näher, wie einer ihrer gemeinsamen Söhne, Erwin Berner, weiß, der gemeinsam mit Ingrid Kirschey-Feix im Aufbau-Verlag nun erstmals den berührenden Briefwechsel des Schriftstellerpaares unter dem Titel „Du bist mein zweites Ich“ herausgegeben hat. Ein literarisches Vorhaben, das seine Mutter als Zeugnis ihrer Ausnahmeliebe geplant, aber vor ihrem Tod im Jahre 2011 nicht mehr verwirklichen konnte.

Schon zwei Tage nach dieser Februarnacht gibt es den ersten Brief vom „großen Mann“ aus Spremberg, wie es Eva empfand, hatte er mit „Ochsenkutscher“ doch schon ein erfolgreiches Romandebüt vorgelegt. Durch seine stürmisch erwachte Liebe fühlt er sich in seiner schöpferischen Arbeit gestärkt, dennoch herauskehrend, dass sich das Werk gern als Geliebte Nummer 1 aufspielt.

Dieser Gedanke wird diesen Briefwechsel aus den Jahren 1952 bis 1958, eine Zeit, in der fast täglich Briefe getauscht werden, noch öfter begleiten. „Der alte Kampf zwischen Liebe zu Dir und Liebe zum Werk... Vergifte mich bei Gelegenheit!“ fordert er sie im Frühsommer 1958 heraus. Und sie wird ihrem „Heumacher“ nach Schulzenhof eine gepfefferte Antwort schicken: „Ich sende Ihnen eine ganz lange Nase für den Giftbrief!“

Weitaus behutsamer geht es am Anfang zwischen den beiden zu. Und es ist wahrlich ein Genuss, sich dem Zauber dieser immer stärker werdenden Liebe hinzugeben. Selbst wenn dieser schon von Melancholie umweht wird durch das Wissen, welchen Kümmernissen und Traurigkeiten die Beziehung noch ausgesetzt sein wird.

Er tastet sich heran, ist „eifersüchtig auf die Sonne, dass sie streicheln kann, was sie liebt“, erzählt ihr von dem Himmel über Spremberg, der den Frühling nicht mehr verschweigen kann, schwelgt förmlich in poetischen Bildern. Evas Briefe pochen „wie Herzschlag“ in seiner Tasche. Eine „Glückslandschaft“ breitet er für sie aus, wobei er schon vorsichtshalber warnt, an Menschen (wie ihn) nicht mit dem Lineal heranzugehen.

Sie will ihm die Liebe „danken, mit allem, was ich werden kann.“ Und doch: Etwas zaghafter erscheinen anfangs ihre Zeilen, vielleicht, weil sie ein wenig Angst hat, sich als junge Dichterin mit ihm zu messen. „Ich werde nicht schreiben, ich werde Dich lieber liebhaben“, gibt ihm die junge Frau am 23. April 1952 voller Hingabe zu verstehen. Und auch in späteren Briefen schwingt immer ein Hauch Selbstaufgabe mit, die sie glücklicherweise nicht einlöst. Sie wird nicht nur Strittmatters strenge Lektorin, die uneingeschränktes Streichrecht für seine Werke besitzt, sondern auch die Lyrikerin der DDR mit der höchsten Buchauflage.

Vielleicht ist auch, wie Erwin Berner in seinem Vorwort beschreibt, ihre schwer lesbare Handschrift schuld, dass die Abschriften ihrer Briefe mitunter weniger lyrisch erscheinen als die seinen. Sei es es wie es sei: Sie lassen spüren, wie nicht nur die Stärke ihrer Liebe wächst, wie sie sich ihr mit Haut und Haar hingibt, sondern sie auch an Selbstvertrauen gewinnt, ihr mit poetischen Worten Ausdruck zu verleihen: „Du gibst mir Kraft zu allem, sie lässt mich wachsen, so wie es den Pflanzen unter der Sonne gelingt.“ Und sie ist sich schnell sicher: „Ganz allein werden wir nie wieder sein.“

 Erwin Strittmatter: Du bist mein zweites Ich. Der Briefwechsel. Aufbau-Verlag, 376 Seiten, 24 Euro, auch als E-Book erhältlich
Erwin Strittmatter: Du bist mein zweites Ich. Der Briefwechsel. Aufbau-Verlag, 376 Seiten, 24 Euro, auch als E-Book erhältlich FOTO: Aufbau-Verlag

Freilich ist es gerade die Einsamkeit in meist durch „das Werk“ auferlegten Trennungszeiten, die gegenseitig zum Briefeschreiben ermuntert. Eine Kunst, die leider aus der Mode gekommen ist. Was man beim Leser dieser Briefe, die ein literarisches Kunstwerk für sich sind, besonders bedauert.

Denn darin werden nicht nur auf besondere Weise außergewöhnliche Gefühle dokumentiert, deren überschwängliche Momente man miterleben darf. Es ist ein Zeitzeugnis – und auch ein großes Geschenk an Zeitzeugen und Nachgeborene. Wobei durchaus die Frage aufkommt, ob man als Zaungast das Recht hat, an dieser intimen Zwiesprache teilzuhaben oder eher eine Indiskretion begeht, etwa, wenn zu lesen ist, wie sie ihn ihren Lieblingsjungen nennt. Aber er ist auch ihr Liebster, der Mann, guter Hosenträgerjunge und der Heumacher...

Was Kosenamen betrifft, ist er von verschwenderischer Erfindungsgabe. Schönaug, Streichelkind, Seelenfrau, Großherz, vereiste Mädchenfrau ist sie für ihn und später, als er schon seine große Romantrilogie begonnen hat, seine Wundertäterin.

„Du bist mein zweites Ich“ gestehen sie einander. Denn beide verbindet auch die „Liebe zum Ganzen“. Das schließt die Natur, die Tiere, die Heimat ein. „Ich bin mit Dir zu allem bereit“, versichert sie. Und erträgt auch Unerträglichkeiten. Wie er zum Beispiel seine „Feindschaft“ gegen ein weiteres Kind anmeldet oder eifersüchtet „dass Kinder die erste Geige spielen“. Sie kontert zwar: „Ohne Kinder kann ich in Schulzenhof nicht leben.“ Und gibt ihm dennoch immer wieder nach und die Kinder zur Großmutter.

Wobei sie schon nach ihrem ersten Treffen weiß: „Ich fühle mich für mich allein stark genug, meine Schwächen zu überwinden, aber die eines anderen dauernd zu tragen nicht.“ Sie wird es dennoch tun. Plumpheiten, Kümmernisse und Spannungen schleichen sich ein, fiebern durch die Briefe. Kleine Bitterkeiten, Krankheiten, Trübsinn und Kraftlosigkeit beschweren sie. Sie lassen ahnen: Was so verheißungsvoll begonnen hat, ist harten Reibungen aus Starrsinn und Jähzorn ausgesetzt, mündet in einem „Regime Schulzenhof“, das Erwin Berner in seinen Erinnerungen beschrieb und unter dem nicht nur die Söhne zu leiden hatten.

Als Eva nicht die lang ersehnte Tochter zur Welt bringt und ihr Mann wieder mal mit sich hadert, ob er die Wöchnerin mit dem neugeborenen Sohn im Krankenhaus besuchen kann, schreibt sie ihm am 19. Juni 1958 unumwunden und doch mit nie ganz versiegender Hoffnung und Liebe: „Ich verlang gar nix. Nix Brief, nix Besuch, nix Kampf mit dem Werk. Was gern gegeben wird, wird gern genommen. Auf alles andere wird gern verzichtet.“

Erwin Berner und Angelika Neutschel lesen aus „Du bist mein zweites Ich“ von Eva und Erwin Strittmatter am 23. Januar, 20 Uhr, in der Thalia- Buchhandlung Cottbus, Karl-Liebknecht-Straße 136