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Rapper Dexter
Erste allgemeine Entspanntheit

Felix Göppel (34) vor einem kleinen Teil seines Rohmaterials.
Felix Göppel (34) vor einem kleinen Teil seines Rohmaterials. FOTO: Saeed Kakavand/0711Blog
Kinderarzt Felix Göppel aus Heilbronn bastelt als "Dexter" Deutschlands beste Hip-Hop-Beats. Jetzt rappt er auch selbst – und nimmt dem Deutschrap mit famosem Quatsch seine größte Schwäche. Tobias Jochheim

Dexter schwört, er komme nach Konzerten niemals zu den Fans, um Platten zu verkaufen und Smalltalk zu verschenken; "Kopfhörer auf / frag mich nicht, was ich hör'. / Will jetzt nicht reden…". Aber Felix Göppel ist sowas von da, wenige Minuten nach dem Auftaktkonzert seiner ersten Solo-Tour überhaupt.

Do-It-Yourself-Charme: Dexters "Tonstudio", hier genutzt von Fatoni. Das gemeinsame Album "Yo, Picasso" schaffte es 2015 auf Platz 23 der Charts.
Do-It-Yourself-Charme: Dexters "Tonstudio", hier genutzt von Fatoni. Das gemeinsame Album "Yo, Picasso" schaffte es 2015 auf Platz 23 der Charts. FOTO: instagram.com/diggidexter

Die rotblonden Haare, das weiße Shirt und die graue Wollmütze verschwitzt, die Wangen gerötet. Ein 34-jähriger Schlaks, der es kaum glauben kann: Mit dem Edding, den man ihm in die Hand drückt, soll er nicht nur sein Bier aufmachen, sondern auch Autogramme geben. Die Kappe steckt er nach jedem wieder auf den Stift, nur um sie Sekunden später wieder abzunehmen.

Nicht böse, bloß ungern vor der Kamera: Göppel alias Dexter ist genauso nett wie der gleichnamige fiktionale Zwangs-Serienkiller.
Nicht böse, bloß ungern vor der Kamera: Göppel alias Dexter ist genauso nett wie der gleichnamige fiktionale Zwangs-Serienkiller. FOTO: Saeed Kakavand/WSP

Mal um Mal will er im Gespräch mit den Fans ironisch die Daumen recken oder sich ans Herz greifen, Mal um Mal bleibt dabei die Ironie auf der Strecke. Auf jedes "Danke" sagt er: "Ich hab‘ zu danken!" und meint es.

Das hier ist das Kontrastprogramm zum einsamen nächtlichen Basteln von Beats aus Samples seines Tausende Platten umfassenden Privatarchivs, das Göppel als meditativ empfindet – und das er besser kann als fast jeder andere. Weil er auch die Chartstürmer Casper und Cro schon mit Musik beliefert hat, stehen seit Jahren eine Goldene und eine Platin-Schallplatte in seiner Wohnung.

Zunächst lange auf dem Fußboden, neben dem Zitronenbaum, heute oben auf dem Plattenregal. "Das ist aber so hoch, dass man sie nicht wirklich sieht", sagt Göppel. Durchaus gewollt. "Mein Anteil daran ist ja überschaubar." Sollte aber einmal ein komplett von ihm produziertes Album Platinstatus erreichen, ergänzt er, "würde ich damit wohl schon ein bisschen angeben".

Konzert statt Klinik

Für die Tour hat er sich zweieinhalb Wochen Urlaub von seinem Hauptberuf als Kinderarzt in einer Stuttgarter Klinik genommen, und diese "Ferien" starten vielversprechend. 200 Leute hätten in den Kölner Yuca-Club gepasst, aber mehr als doppelt so viele wollten ihn erleben. Also wurde das Konzert flugs in den Club Bahnhof Ehrenfeld nebenan verlegt, und auch der wird voll. Euphorisch ist er nach dem Konzert, aber auch erleichtert und dankbar. Es ist die ultimative Bestätigung für den Mann, der sagt: "Ich mache nichts anderes außer arbeiten, Musik und mich um meine Familie kümmern – treibe keinen Sport, gucke keine Serien, nichts."

Apropos: Mit dem fiktiven Serienmörder Dexter verbindet Göppel nichts außer seiner Nettigkeit. Woher sein Künstlername stammt, ist nicht ganz klar. Entweder vom lateinischen Ausdruck für "rechts" und auch "gewandt" – weil ihm an den Plattentellern zwar schon früh vieles gelang, aber nur mit der rechten Hand. Oder er geht ganz einfach auf die abgedrehte Zeichentrickserie "Dexters Labor" zurück.

Zum Beginn seines Auftritts lässt Dexters DJane Tereza seinen Sohn im Kita-Alter aus den Boxen krähen: "Papa ist der beste Rapper!" und "Papa ist wavy!". Die Menge prustet und jubelt. "Wavy" ist das Ideal, nach dem Göppel nicht nur als Dexter strebt: Ein warmes Gefühl von schwer-okay-heit, allgemeiner Entspanntheit und guter Laune, von Sonnenschein oder Kaminofenknistern.

HipHop aus Jazz-Samples

Dexter rappt, wie er Beats produziert: Indem er altbekannte Versatzstücke so umarrangiert, dass etwas völlig Neues entsteht. So verwandelt er Jazz und Soul in HipHop, und so ringt er den ewigen Themen des Rap – Das Leben ist hart, aber ich bin der Geilste und alle anderen doof – ganz neue Seiten ab: Dexter feiert Käsesorten mit demselben Habitus wie andere Koks und Knarren. Er lehnt sich auf wider den tierischen Ernst.

Handwerklich ist sein Sprechgesang nur solide, aber er nimmt jedem Kritiker den Wind aus den Segeln mit Verweisen auf seinen "Hobbyrapper"-Status und Zeilen wie "Reime sind simpel, Inhalt egal, denn es rollt wie ein Zug – tut, tuuut!" Das ist lustig, und schamlos untertrieben ist es auch. Dexter rappt über das Cruisen im Cabrio unter Palmen, aber auch über Supermarkt-Trips mit dem Minivan. Über Weine und Whiskys, aber auch über Brettspiele und Frühstückseier aus Freilandhaltung. Macht mal auf Snob ("Du sammelst Platten, aber dein kompletter Schrank ist Dreck"), mal auf arroganter Arzt ("Notkaiserschnitt statt notgeiler Bitch") und mal auf exzentrisches Original, das Kuchen backt und auf der Straße an alle verteilt.

Doch er argumentiert auch fürs Daheimbleiben statt Partymachen, fürs Zeitverbringen mit dem Sohnemann statt Arbeit am Promo-Plan. Der Mann, dem das Missionieren fernliegt, erhebt die Uncoolness zur neuen Coolness. Und enthüllt nichts weniger als das Geheimnis des unpeinlich Alterns, ja des unpeinlich Seins überhaupt: Mut zu den eigenen Prioritäten, Ansichten und Spleens, keine Angst vor Urteilen Dritter – und viel Selbstironie.

Auch Kalifornien is en Jeföhl

Ein bisschen Autobiographisches blitzt hier und da zusätzlich auf: "Sie wählten mich beim Fußballspiel als Letzten, war nie cool mit 16", erinnert er sich etwa, und: "Sie nannten mich den bleichen Bub". Blass und jungenhaft ist er noch heute, aber nicht nur Kölle, auch Kalifornien is en Jeföhl. Und diese sommerlich-leichte Coolness schwingt stets in seiner Musik mit, und zwar nicht nur im Subtext. Sie überlagert alles andere. Es ist seine persönliche Gegenoffensive, denn vieles im Hip-Hop ist ihm "zu dunkel, zu stressig, geht zu sehr in die Gangsta-Richtung". Die Release-Party seines Albums feierte er auf einem Minigolfplatz, und sie war sehr gut.

Als Jürgen Klopp von Dortmund nach Liverpool wechselte, stellte er sich als "The Normal One" vor, im Gegensatz zu José Mourinho, der sich selbst als "The Special One" feiert. Aber auch Klopp ist Profi-Fußballtrainer, einer von ein paar Dutzend in ganz Europa. Der wahre "Normal One" heißt Felix Göppel, ist durchschnittlich schön und nicht mehr blutjung, und widersprüchlich wie wir alle. Etwas Nerd, etwas Spießer, etwas Rebell. Connaisseur und Kindskopf. Arzt, aber mit Abi-Schnitt 2,5. Nicht uneitel einerseits, doch nur alle drei, vier Monate beim Friseur andererseits. Ein Ästhet mit Vorliebe für Jogginghosen.

Er kennt die lateinischen Namen für Knochen, Muskeln und Organe – und verliert sich zugleich mit Wonne im ganz eigenen Slang des Hip-Hop, den er liebt, obwohl er das Glorifizieren von Gewalt und Drogen hasst. Sorgt sich um Missstände in Politik und Gesellschaft, nimmt sich aber die Freiheit, eben keine sozialkritischen Texte zu schreiben, sondern beschränkt sich auf fluffige. Hat Frau und Kind und trotzdem Hobbys und Freunde, verdient sein Geld als Arzt und bastelt Beats und rappt.

"Dies, das" eben, wie in seinem gleichnamigen Underground-Sommerhit von 2014, den er in Köln unter großem allgemeinem Jubel als Zugabe raushaut: "Ganz normale Dinge – nichts, was Ihr nicht auch macht."