David nennt sie den in sich zurückgezogenen, ausgemergelten Jungen in ihrem Buch, dessen Leben und Leiden sie nach Motiven einer wahren Begebenheit beschreibt, wie sie im Untertitel ihres Buches "Die Grausamkeit des Unterlassens" mitteilt.

Ein mutiges Unterfangen, gibt es doch kaum einen Lausitzer, den dieser Fall nicht zutiefst erschüttert hat. Wochenlang, ja Jahre später noch, war er bundesweit in den Schlagzeilen.

Was kann uns also jetzt, fast zwölf Jahre danach, ein Buch darüber erzählen? Maxi Hill erhebt nicht den Anspruch, den authentischen Fall akribisch nachzuerzählen. Zwar ist die Geschichte der Aktenlage des realen Gerichtsfalls nachempfunden. Figuren und alltägliche Handlungen, amtliche Abläufe aber sind frei gestaltet. Eine Antwort darauf, warum das Undenkbare geschah, kann weder sie noch der Richter geben.

Erinnern wir uns: Hilflos, geradezu schockiert, standen wir im Frühsommer 2004 vor der grausigen Nachricht: In einer Tiefkühltruhe wird die verweste Leiche eines kleinen Jungen entdeckt. Wie kann das nur sein: Ein kleiner Mensch verhungert, verschwindet jahrelang spurlos, und niemand vermisst ihn? Hat er denn keine Freunde gehabt? Nachbarn werden sich doch gewundert haben? Und überhaupt: Wie kann in einer so großen Familie etwas stillschweigend geschehen, ohne dass irgendein Wort nach außen dringt? Hätte das Jugendamt nicht längst alarmiert sein, das Sozialamt, die Schule nicht viel eher reagieren müssen? Diese Fragen, die viel früher und viel dringlicher gestellt werden müssten, sind bis heute nicht bis zum letzten Grund beantwortet. Und so wirft dieses Buch sie erneut auf. Denn das Schicksal des kleinen Jungen, so grausam es sich auch darstellt, ist leider kein Einzelfall. So will die Autorin sensibilisieren, dass Menschen nicht wegsehen, genauer hinhören, sich einmischen, auch wenn sie sich damit nicht immer Freunde machen.

Das Buch ist nicht mit Schuldzuweisungen beladen. Es schildert, wie sich eine Familie mit neun Kindern über Wasser zu halten sucht, die Überforderung der Mutter, die Gleichgültigkeit des Vaters. Menschen, die aus der Verantwortung fliehen und dennoch verantwortlich sind für das, was hinter verschlossenen Türen geschieht. Die Eltern lassen ihren kleinen Jungen, der dringend ärztliche Hilfe benötigt, im Stich. Sie tun einfach nichts. Der Junge ist sechs, als er verhungert. Ist es Nachlässigkeit, Hilflosigkeit, Angst vor Konsequenzen? Auch nach den Gründen bleibt weiter zu fragen. Vor allem aber drängt sich beim Lesen dieses Buches die Frage nach vorn, wie Kinder, die vernachlässigt, missbraucht oder missachtet werden, besser geschützt werden können. Denn ein Netz menschlicher Beziehungen, der Hilfe und Zuwendung, das nicht so große Maschen hat, dass ein kleiner Junge einfach verschwinden kann, gibt es längst nicht überall.

Und auch daran rührt dieses Buch: Die Verantwortlichen zu bestrafen ist die eine Seite, sich selbst mit verantwortlich zu fühlen, die andere.

Maxi Hill stellt ihr Buch "David - Die Grausamkeit des Unterlassens" am Dienstag, 19.30 Uhr, in der Stadt- und Regionalbibliothek vor. Der Eintritt ist frei. Reservierungen unter Tel.: (0355)3806024 oder

www.bibliothek-cottbus.de