Jurij Koch hat sich literarisch fast immer in seiner Lausitzer Heimat aufgehalten, seine Gedanken aber trugen darüber hinaus. So ist es auch jetzt, wenn er beginnt, seine Kindheitserinnerungen wachzurufen. Koch steckt voller Geschichten, die Geschichte erzählen. Das eine kann ohne das andere nicht sein - nicht bei diesem Autor, der 1936 in Horka bei Kamenz geboren wurde, in einer sorbischen Gegend in eine sorbische Familie hinein. Kurz vor einem schrecklichen Krieg, der sich bald gegen diejenigen wenden sollte, die ihn angezettelt hatte.

Jurij Koch ist acht Jahre alt, als das geschieht. Aber noch ist die Kindheit, was sie sein soll - beinahe. Denn der Krieg, der auch den Vater eingesogen hat, bestimmt die Spiele der Kinder: Sie bauen sich Gewehre und Kanonen und bekämpfen die Gleichaltrigen im Nachbardorf.

Lebendig und zum Teil voller Humor schildert der Autor die Erlebnisse jener Zeit, hebt die eine oder andere Geschichte am Wegesrande auf. Wie die der Jüdin Hana, die bei den Geschwistern Kschischan, eingedeutscht Schierz, von Kind an lebt. Erst nach dem Krieg beginnt sich Jurij Koch für sie zu interessieren, als er ein Bündel Papiere in die Hand bekommt. Ihre Geschichte zu rekonstruieren ist nicht leicht. Hana scheint das Ergebnis eines Seitensprungs zu sein, die Eltern leben in Dresden. Warum haben sie sie 1924 fünfjährig, und noch bevor die schlimme Judenhatz begann, zu den Kschischanks gebracht? Die gehörten nach Jurij Kochs Schilderung zu den ärmsten im Dorf. "Aber hinter diesem Elend . . . verbirgt sich große Menschlichkeit, als die Zeiten gefährlicher werden. "Über sie wird im Dorf geschwiegen. (…) Menschlichkeit kann in Kriegszeiten als Verbrechen ausgelegt werden", schreibt Koch. Und doch gab es schließlich Denunzianten, was Hana und ihren Stiefvater das Leben kostet. So waren Menschen auch.

Zu den beliebtesten Spielen der Horkaer Jungs gehörte im letzten Jahr des Krieges der Bunkerbau im nahe gelegenen Wald. Als Basis dient ein ausgeschlachteter Opel P4, in dessen kastenförmigen Aufsatz die Kinder hocken. Dunkel ist es darin, wenn wegen der Kälte alle Türen verschlossen sind - schlecht zum Karten spielen. Also kommt einer auf die Idee, eine brennbare Flüssigkeit für die vorhandene Petroleumlampe zu holen. Es war Benzin . . . Einer der Jungen bezahlte die Ahnungslosigkeit mit dem Leben, Jurij Koch überlebte mit schweren Verbrennungen. Als er wieder aus dem Krankenhaus entlassen wird, ist der Krieg in Horka. Die Russen kommen. Der Autor erzählt, wie die Dorfbewohner zunächst versuchen, sich in Sicherheit zu bringen, dann beten und schließlich mit einem weißen Laken am Stiel und einem Brot dem Unvermeidlichen entgegen gehen. Von der Wiederbelebung der 1912 gegründeten Domowina noch im Verborgenen ist die Rede und davon, dass es nicht ganz einfach gewesen sein muss, den Russen beizubringen, was für ein kleines slawisches Völkchen da in Horka zwischen Handtuchfeldern und Birkenwäldchen lebt.

Der Krieg ist zu Ende. Zerstörtes wird wieder aufgebaut und auch Jurijs Vater macht sich daran, was winzige Häuschen der Kochs aufzustocken. Beim Abbruch einer Fabrikruine, die der Materialbeschaffung dient, kommen Vater und Cousin ums Leben. Ein Trauma für den Jungen, der den Vater nach dem Krieg in Sicherheit glaubte.

Der heiterste Abschnitt des Buches berichtet von Jurij Kochs Internatszeit im Tschechischen. Zwei sorglose Jahre mit guter Verpflegung und Unbeschwertheit - mal vom Heimweh abgesehen. Dumme-Jungs-Streichen natürlich auch - etwa dem bis ins Kleinste geplanten Überfall auf die Speisekammer.

Es ist bewundernswert, wie viele Details Jurij Koch über all die Jahre in seiner Erinnerung aufbewahrt hat. Was zeigt, wie sehr sie den Jungen von damals berührten. Genauso emotional hat er sie aufgeschrieben, reflektiert mit den über Jahrzehnte gesammelten Erfahrungen und dem heutigen Wissen. Das macht sie zu lebendiger Zeitgeschichte. Die noch dazu in einer Sprache verfasst ist, die Bilder zu malen versteht. Aber hatten sie ihm damals im Tschechischen nicht sowieso empfohlen Maler zu werden?

Jurij Koch: Das Feuer im Spiegel, Domowina Verlag, 120 Seiten, 12,90 Euro