Frau Schliebe, eine Rodtschenko-Ausstellung aus dem eigenen Fundus, das kann nicht jedes Kunstmuseum. Wie ist dieser Schatz in den Besitz der Cottbuser Kunstsammlungen gekommen?
Die Bilder sind 1979 von dem Fotografen Joachim Jansong im Moskauer Rodtschenko-Archiv für eine Fotografie-Mappe des Verlags der Kunst Dresden von den Original-Negativen angefertigt und von der Tochter autorisiert worden. Unser Museum, das seit 1979 Fotografie sammelt, nahm das zum Anlass, hier die erste Rodtschenko-Fotoausstellung in der DDR zu zeigen. Das war 1981, die Bilder verblieben dann in der Sammlung. In einer erweiterten Schau sind die Bilder dann noch einmal 1991 präsentiert worden. In Zusammenhang mit der Avantgarde-Ausstellung, in der auch viele Werke Rodtschenkos hängen, wollten wir unsere Schätze noch mal ans Licht holen.

Was macht den Wert der Fotografien Alexander Rodtschenkos aus?
Er ist eine Schlüsselfigur nicht nur der russischen, sondern der internationalen Fotografie des 20. Jahrhunderts, weil er Prinzipien eingeführt hat, die nach ihm viele andere genutzt und weiterentwickelt haben. Er wollte die Sicht auf die Welt verändern, hat sich konsequent gegen überkommene Sehweisen aufgelehnt. Von ihm stammt ja auch das Zitat "Wir müssen den Schleier von unseren Augen reißen".

Was hat er anders gemacht als die anderen?
Seine wichtigsten Prinzipien sind das Schauen von oben nach unten und von unten nach oben. Nur nicht vom Bauchnabel aus, von dort, so meinte er, entstehen nur nette Postkartenbildchen. Er kippt die Kamera, legt den Horizont schräg, arbeitet sehr viel mit Diagonalen und bringt so Dynamik in seine Bilder, lässt uns Räume neu erfahren. Er will, dass der Betrachter die Wirklichkeit neu entdeckt.

Woraus resultiert eigentlich diese totale Abkehr vom Traditionellen?
Das hat mit der Aufbruchstimmung in Russland um 1900 zu tun. Die Künstler rebellierten gegen akademische Traditionen. Viele, die in unserer Avantgarde-Ausstellung zu sehen sind, hatten sich in Frankreich mit dem Kubismus vertraut gemacht, hatten großes Interesse auch am italienischen Futurismus. Sie meinten aber, sie müssten eigene Stilrichtungen kreieren. Kasimir Malewitsch erfand dann beispielsweise den Suprematismus, eine geometrisch-abstrakte Kunstrichtung. Es war eine Zeit, in der viele fortschrittliche Kräfte vereint waren. Rodtschenko war in diesen Kreis, zu dem auch der Dichter Wladimir Majakowski gehörte, integriert. Hier wurde viel über Schaffensfragen diskutiert, es herrschte eine sehr anregende Atmosphäre, man inspirierte sich gegenseitig.

Dabei ging es nicht nur um die Suche nach neuen ästhetischen Mitteln . . .
Nein, diese Kunst zielte darauf ab, die Gesellschaft zu verändern. Das sieht man sehr gut am Werk Rodtschenkos. Der hat ja nicht nur gemalt, sondern er hat sich um Produktgestaltung gekümmert, hat sich unter anderem das Design für Teeservice und Lebensmittelverpackungen ausgedacht sowie Bücherkioske und Kostüme fürs Theater entworfen. Er hat Bücher illustriert, zusammen mit Majakowski Werbeplakate gestaltet, übrigens sehr witzig. In seiner Vielfältigkeit ist Alexander Rodtschenko eine Ausnahmeerscheinung. Ab 1924 hat er selbst fotografiert und diese junge technische Errungenschaft zu einem künstlerischen Mittel weiterentwickelt.

Bilder von Zahnrädern, Schienen, Häuserfassaden - das Grafische steht im Mittelpunkt - mancher Betrachter steht ratlos davor - muss man die Philosophie kennen, die dahinter steht, um diese Arbeiten zu verstehen?
Ich glaube, man kann auch so gut erkennen, wie er aus banalen Motiven eindrucksvolle Bilder macht. Nimmt man beispielsweise die berühmte Treppe, die er unter dem Titel "Ein Sommertag" 1929 für eine Zeitschrift fotografiert hat: Eine Frau mit einem Kind auf dem Arm geht am Ufer der Moskwa eine Treppe hoch. Eigentlich wäre das ein langweiliges Motiv. Rodtschenko kippt die Kamera, dadurch ergibt sich das Spiel von Licht und Schatten der Treppenstufen. Sie bringen einen Rhythmus ins Bild. Außerdem verlängert sich die Figur durch ihren Schatten und zeichnet eine Diagonale zu den Treppen. So hat er mit einfachen Mitteln ein gewöhnliches Motiv spannend gemacht. Das zeichnet seine Fotografie aus, dass man Dinge, die man kennt, neu sieht. Dafür ist er vor allem in den Jahren 1931 bis 1935 auch sehr angegriffen worden.

Was hat man ihm denn vorgeworfen?
Formalismus, weil er sich bestimmter Prinzipien bediente. Dass er Dinge nicht darstellt, wie sie gewöhnlich zu sehen sind. Er war seinen Kritikern zu fortschrittlich. Ab 1932 war der Sozialistische Realismus zur Staatskunst erklärt worden, die Auffassungen der Avantgardisten passten nicht dazu. So wurde es für Rodtschenko immer schwieriger, an Aufträge heranzukommen, oder, wenn er welche bekam, wurden sie nicht umgesetzt, etwa ein Bildband über Moskau, und natürlich nicht bezahlt. Er hat sehr darunter gelitten.

Hinter vielen Bildern stecken Geschichten. Zum Beispiel über die Freundschaft Rodtschenkos mit Wladimir Majakowski. Was faszinierte ihn denn so an dem Schriftsteller?
Auf jeden Fall dessen sarkastisch angehauchte Dichtung, nicht umsonst hat Rodtschenko seine ersten Fotomontagen zu dessen Poem "Pro eto" (Das bewusste Thema) gestaltet. Beide Künstler verstanden sich gut, verbrachten auch neben der gemeinsamen Arbeit viel Zeit miteinander. So trafen sie sich häufig, um Mahjong zu spielen oder fuhren nach Puschkino, wo Majakowski und Ossip und Lilja Brik eine Datscha besaßen. Auch in Moskau wohnten Majakowski und die Briks zusammen, führten eine Dreiecksbeziehung. Nachdem sich Majakowski 1928 in Paris einen Renault gekauft hatte - eine kleine Sensation - begleitete Rodtschenko den Dichter und Lilja Brik, die gerade den Führerschein gemacht hatte, auf einem Ausflug, den er mit seiner Kamera festhielt. Einige dieser Fotos sind in unserer Ausstellung zu sehen.

Mit Carmen Schliebe

sprach Renate Marschall