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| 02:41 Uhr

Er hat sich die Freiheit einfach genommen

FOTO: privat
Burg. In die Freiheit ging es auch ostwärts, nur war die Reise eben etwas länger: mehr als 10 000 Kilometer. Dem Spreewälder Jens Kießling ist auf erstaunlichem Weg die Flucht aus der DDR geglückt. 1987 schlug er sich über Russland, die Mongolei und China in den Westen durch. Über "Die Verbotene Reise" schrieb Peter Wensierski ein Buch. Am 18. März wird es in Burg vorgestellt. Felix Johannes Enzian / fen1

"Das System hatte viele Schlupflöcher. Man musste sie nur entdecken", erzählt Jens Kießling. Der 51-Jährige, der seit 21 Jahren als Experte für Naturschutz und Pflanzenkläranlagen in Burg im Spreewald lebt, hat ein besonderes Talent zum Aufspüren solcher Lecks. Als Biologie-Student besetzte er ohne Behördenärger eine leerstehende Wohnung am Prenzlauer Berg. Er wusste auch, wie DDR-Bürger den ständigen Reisekontrollen der sozialistischen Diktaturen entwischen konnten. Mithilfe einer gefälschten Einladung erhielten Jens Kießling und Marion Mentel in Ostberlin ein Reisevisum für die Mongolei. Wochenlang streiften die beiden naturbegeisterten Mittzwanziger auf eigene Faust durch das weite Land. Sie zelteten in der Steppe und an riesigen Seen, fuhren oder flogen per Anhalter, waren in den Jurten von freundlichen Nomaden zu Gast. Auch der mongolische Schamane und Schriftsteller Galsan Tschinag - in der Lausitz durch viele Besuche und seine Freundschaft mit Erwin Strittmatter bekannt - half dem jungen Paar. Brenzlige Situationen gab es trotz des legalen Visums: dass DDR-Bürger sich in den "Bruderländern" ohne Reisegruppe, Aufpasser und festgelegte Route bewegten, war nicht vorgesehen und erregte immer wieder Argwohn.

Bei einem Besuch in einem buddhistischen Kloster wurden die Ausländer von Mönchen an die Polizei verraten. Sie entgingen der Festsetzung, indem sie den Kontrolleuren statt ihrer echten Reisedokumente einen Sozialversicherungs- und einen Studentenausweis abgaben und sich aus dem Staub machten. Ein Beamter in Ulan Bator stellte beim Anblick einiger Dollarscheine keine Fragen. Er fertigte den Deutschen ein Visum nach China aus.

Der "Spiegel"-Redakteur Peter Wensierski hat mit Jens Kießling und Marion Mentel lange Interviews geführt und auch ihre Stasi-Akten ausgewertet. Der Journalist erzählt ihre Geschichte so lebendig, als sei er dabei gewesen. Er schildert nicht nur sehr anschaulich die fremden Lebensverhältnisse im Fernen Osten, sondern auch den Alltag am Prenzlauer Berg, wo sich in bröckligen Altbauten Studenten, Künstler und Intellektuelle eine alternative Nische in der DDR eingerichtet hatten. Das Buch läuft unweigerlich auf eine schwere Entscheidung in Peking zu: Das Paar trennte sich dort - letztlich endgültig. Marion Mentel, die heute im brandenburgischen Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark) eine Filzwerkstatt und ein Jugendtheater betreibt, kehrte aus Rücksicht auf ihre Familie in die DDR zurück. Jens Kießling dagegen sah keine Zukunft in der alten Heimat, weil ihm dort wegen seines Naturschutzengagements die Berufsausübung verwehrt wurde. Er ging in die westdeutsche Botschaft in Peking, die ihm die Ausreise aus dem Ostblock ermöglichte. Aus Liebe zur Spreewaldlandschaft ließ sich der Biologe nach dem Mauerfall dort nieder.

Am 6. März wurde "Die Verbotene Reise" in der Berliner Bibliothek am Wasserturm erstmals vorgestellt, ganz in der Nähe von Jens Kießlings Studentenwohnung. Das Interesse war so groß, dass die Zuhörer sogar auf dem Fußboden sitzen mussten. Jens Kießling, inzwischen Familienvater, trägt zwar keinen wilden Vollbart mehr, wirkt aber immer noch jugendlich und abenteuerlustig: "Ich ärgere mich, weil ich oft höre, die DDR-Bürger seien so angepasst gewesen", sagt er unter großem Applaus. "Heute haben die Leute eigentlich alle Freiheiten. Trotzdem leben viele sehr angepasst." Aus Sicht von Peter Wensierski geht von Jens Kießling, Marion Mentel und deren mutiger Reise "eine tolle Botschaft aus, die uns auch heute noch betrifft".

Am 18. März, ab 18 Uhr, werden der Journalist und der Biologe im Hotel "Zur Bleiche" in Burg von dieser wahren Geschichte erzählen und eindrucksvolle Fotos zeigen. Der Eintritt ist frei. Um Platzreservierung unter Telefon 035603-620 wird gebeten.

Zum Thema:
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