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Entfesselter Franke und katalanische Feuerläufer

Peter Sadlo fackelte am Freitag im Cottbuser Staatstheater ein akustisches Feuerwerk ab.
Peter Sadlo fackelte am Freitag im Cottbuser Staatstheater ein akustisches Feuerwerk ab. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Ein Schwabe am Pult, ein Isländer im Publikum und feurige Katalanen in der Nacht: Spannender könnten die Vorzeichen des 5. Philharmonischen Konzertes am Freitagabend im Cottbuser Staatstheater kaum sein. Doch am Ende ist es ein Franke, der auf der Bühne herausragt. Peter Sadlo, erschöpft vor seiner Trommelbatterie, die wohl immer noch glüht. Rüdiger Hofmann

Zuvor aber kämpft sich der Saal durch exotische Klangfragmente aus "Cottbus Diptych I: Profile" des isländischen Komponisten Atli Ingólfsson. Der solide Gastdirigent Markus Frank müht sich, gemeinsam mit dem Orchester den Kern einer Phrasierung erkennbar zu machen, Elemente zu filtern, eine Grundstruktur in das Abstrakte zu bringen. Lang gezogene Töne driften in Höhen ab, bei denen man unweigerlich Sequenzen eines Thrillers vorm geistigen Auge sieht. Die Streicher wiederholen gebetsmühlenartig ihre Pendelbewegungen. Das Thema bleibt unklar, die Suche nach dem Fixpunkt wird auch die folgenden Uraufführungen bestimmen.

Plötzlich geht eine Seitentür auf und ein kräftiger Trommler marschiert ein. Peter Sadlo nimmt Kurs auf seinen Teil der Bühnenkreation, einen Halbkreis von Trommeln jeglicher Art, Tellern, Bongos, Glocken, Xylofonen und Vibrafonen, während er das dreisätzig gegliederte Schlagzeugkonzert "Focs d'artifici" des aus Barcelona stammenden Komponisten Cruixent einleitet. Hölzerne Instrumente prägen den ersten Satz, der prasselnd, teilweise explosiv daherkommt. Auf eine humorvolle Art hält Sadlo immer wieder Blickkontakt zum Dirigenten und dem Orchester, während er sich in einen Rausch trommelt. Die Waldfanfare holt alle Beteiligten auf den Klangteppich zurück. Metallbasierende Schlaginstrumente sind charakteristisch für den zweiten Satz, sie klingen länger nach als Holz und bleiben in Erinnerung. Die Xylofonanschläge ähneln akustisch einer Harfe, weich, verzaubernd, geheimnisvoll. Streicher und Bläser nehmen sich geschickt zurück, ein atmosphärisch ungemein reicher "Magischer Brunnen", der das Publikum nur kurz gefangen nimmt, bevor es im dritten Satz aus sämtlichen Träumen gerissen wird. Der Schlusssatz spielt auf einem Fest im nächtlichen Katalonien, bei denen sogenannte "Feuerläufer" durch die Straßen ziehen. Auch Sadlo läuft nun zur Höchstform auf, indem er die pyrotechnischen Effekte mit seinen Trommeln turbulent in Szene setzt. Das Orchester rast, was Sadlo nicht davon abhält, bei seiner Maschinerie drei Gänge hochzuschalten. Pfeilschnell wie eine Katze bewegt er sich zwischen seinen Instrumenten hin und her, schlägt wuchtig, um dann kurz innezuhalten, springt und klopft, um dann wieder sanft zu agieren und treibt sich schließlich wie eine wild gewordene Furie völlig entfesselt in lärmendes Getöse, dass auch der letzte Platz im Saal Feuer fängt. Den Abschluss des wilden Treibens markieren effektvoll eingesetzte Röhrenglocken.

Der Funke zwischen dem Franken und den Cottbusern ist nun übergesprungen, sodass die geplante Pause kurzerhand verschoben wird und Sadlo sein "Crossover für kleine Trommel solo" vom Österreicher Reifeneder folgen lässt. Das Stück ist auf ihn zugeschnitten, kann er hier doch facettenreich verschiedene Schlagtechniken mithilfe ungewöhnlicher Anschlagmittel von Metallbesen bis zum Paukenschlägel und bis zu 20 Klangvarianten einer Trommel in aufregende Musik verwandeln. Von der Tradition preußischer Marschmusik, einer Persiflage auf den Wiener Walzer und Elemente der Volksmusik - Sadlo demonstriert eindrucksvoll seine Bandbreite virtuosen Könnens. Vor allem am Schluss zeigt er Kreativität und Spontanität: Er steht vom Stuhl auf und schlägt auf alles, was ihm in die Quere kommt, aber nie ohne rhythmisches Konzept: Notenständer, Stuhlbein, Bühnenboden, sogar seine Schuhe werden eingebunden. Ausgelassen, aber erschöpft, verlässt er die Bühne und wird nur ungern ohne Zugabe frenetisch verabschiedet.

Wer eingangs bei der Uraufführung nicht auf seine Kosten gekommen ist, holt dies spätestens bei Edward Elgars "Enigma" (Rätsel) nach. Ein wunderschönes Orchesterwerk, vergnüglich und elegant vorgetragen, ohne die zeitweilige düstere Grundhaltung zu vernachlässigen. Elgar porträtiert in dem Werk Familie und Freunde. So unterschiedlich diese Charaktere, so verschieden sind auch die orchestralen Variationen. Träumerische Leichtigkeit der Querflöten korrespondiert mit der Verspieltheit der Streicher und deren Tonleiterkaskaden, majestätische Passagen der Blechbläser münden in schwerfällig imitiertes Bratschenspiel. Teilweise wägt man sich in Filmmusiken, doch bleibt einiges analog zum Titel ein Rätsel. Auch die großen Meister finden Berücksichtigung: In der neunten Variation beziehen sich die Musiker auf die langsamen Sätze in Beethovens Klaviersonaten: So wird an den 2. Satz der "Pathétique" erinnert. Genau wie das Konzert zuvor: Wahrlich eine Quelle des Vergnügens!