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Krimi-Kolumne
Enteneier der Geschichte

40 Jahre liegen der Deutsche Herbst und die Todesnacht von Stammheim zurück. Die Folgen dieser traumatischen Zeit beeinflussen den aktuellen Fall der Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz.
40 Jahre liegen der Deutsche Herbst und die Todesnacht von Stammheim zurück. Die Folgen dieser traumatischen Zeit beeinflussen den aktuellen Fall der Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz. FOTO: Sabine Hackenberg / SWR/Sabine Hackenberg
Der rote Schatten wirkt noch immer bedrohlich. Und er wird noch immer beschattet. Von Ida Kretzschmar

Das sind zwei Erkenntnisse aus dem Stuttgarter "Tatort", der uns am Sonntagabend erschauern ließ. Denn was mit einem seltsamen Tod in der Badewanne und einer geklauten Leiche beginnt, entpuppt sich bald als hochkarätiger Polit-Thriller. Regisseur Dominik Graf, der bekannt dafür ist, für Zündstoff zu sorgen, mischt darin verstörende authentische Bilder aus der Hoch-Zeit der Roten Armee Fraktion mit erschreckenden aktuellen Geschehnissen. Das verlangt dem Zuschauer einiges ab. Am 18. Oktober vor 40 Jahren kamen die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Ras pe im Gefängnis Stuttgart-Stammheim zu Tode. Zuvor hatte die RAF Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt, um deren Freilassung zu erwirken. Doch der Staat ließ sich nicht erpressen. Am Ende töten die Entführer Schleyer. Baader, Ensslin und Raspe sterben im Gefängnis. Hatte man es dabei womöglich mit einem staatlich geförderten gemeinschaftlichen Selbstmord zu tun, oder ist der Massensuizid nur eine Ente, wurden die Terroristen sogar getötet? Viele Fragen sind bis heute ungeklärt. "Enteneier der Geschichte" wie es ein alter Geheimdienstmann bezeichnet, werden in diesem "Tatort" ausgebrütet. Wobei die Welt dabei keineswegs einfach in Gut und Böse eingeteilt wird. Selbst Kommissar Lannert (Richy Müller) habe seinerzeit mit RAF-Sympathisanten in einer WG gelebt, stellt sich heraus. Und dass der Lebensgefährte der toten Frau aus der Badewanne Wilhelm Jordan (überzeugend Hannes Jaenicke) einst V-Mann für den Verfassungsschutz war. Mehr noch: Er hat Ähnlichkeit mit einem RAF-Mitglied, das aussagte, wie die Waffen für die tödlichen Schüsse auf Baader und Raspe in den Stammheimer Hochsicherheitstrakt kamen.

Wie weit aber darf der Verfassungsschutz gehen, der noch immer in Jordans Schatten steht? Die Frage ist am Ende wichtiger als der aktuelle Fall. Gerade, weil beides ungelöst bleibt.