Interview mit Elie Levy

Von der Geschwätzigkeit des Körpers

Elie Levy entschlüsselt, was Gesicht und Hände erzählen. FOTO: Florian Miedl

Cottbus. Eine Pantomime aus Israel, der 30 Jahre wortlos auf der Bühne stand, findet nun viele Worte – am 11. Oktober auch in Cottbus.

Der Pantomime Elie Levy lüftet am 11. Oktober im Kleinen Literarischen Herbst im Lernzentrum Cottbus die Geheimnisse der Körpersprache.

Elie Levy, mehr als 30 Jahre sind Sie als Pantomime aufgetreten und gehören zu den bekanntesten Vertretern dieser Kunst. Wie haben Sie die Magie der Stille für sich entdeckt?

Levy Schon als Junge war ich ein guter Beobachter, habe die Menschen angeschaut. 1973 bin ich in Israel zur Schauspielschule gegangen. Von dort wechselte ich zur Pantomime, eine Kunst, die ich in Paris vervollkommnete. Und irgendwann wurde ich eingeladen, Vorträge zu machen, weil sich nicht nur Schauspieler und Opernsänger, sondern viele Menschen für die Geheimnisse der Körpersprache interessieren. Und ich landete in Hamburg.

Wer war Ihr wichtigster Lehrmeister?

Levy Vor allem von Etienne Decroux erfuhr ich, was es bedeutet, den Körper als wesentliches Ausdrucksmittel ins Zentrum meines künstlerischen Schaffens zu rücken. Ich war bei ihm zwei Jahre. Und er vermittelte mir die Philosophie der Bewegung. Für mich war er der beste Lehrer der Welt.

Sind Sie auch anderen großen Pantomimen begegnet wie Marcel Marceau, der ja auch einen geschwätzigen Körper hatte?

Levy Einmal hatte er eine Vorstellung in Hamburg, und diese war vollkommen ausverkauft. Aber ich durfte den Bühneneingang benutzen, weil er von mir und meiner Arbeit gehört hatte. Eine Stunde vor seinem Auftritt erwartete er mich auf der Bühne – schon vollkommen geschminkt. Wir hatten ein gutes Gespräch miteinander. Ich wusste natürlich schon viel von ihm und seiner Familie. Ich hatte mich ja auch im Pariser Pantomimenstudio Magénia, das Marceaus zweite Frau Ella Jaroszewicz leitete, ausbilden lassen. Sie unterrichtete vor allem die klassische Pantomimentechnik, Decroux eher Ausdrucksformen, die für mich eine beinahe religiöse Ausstrahlung hatten. Er ist schon lange nicht mehr am Leben. Aber inzwischen habe ich verstanden, was er meinte. Leider kann ich ihm das nicht mehr sagen. Übrigens hat auch Marcel Marceau in den 1940er-Jahren bei Decroux studiert. Bei Ella ging es vor allem um Imitation bis ins Groteske. Hier lernte ich, die Pantomime als Karikatur der Realität zu verstehen. Da besteht eine Verwandtschaft zur Clownerie, nur dass man sich keiner Worte bedient. Ihr Ex-Mann hat das wunderbar beherrscht, er war ein Genie der Selbstbeherrschung, wohl auch, weil seine Familie ein schweres Schicksal hatte. Sein Vater wurde als Jude in Auschwitz ermordet.

Das geht mir genauso. Vor vielen Jahren traf ich den 81-jährigen Marceau in Dresden zum Interview. Da sagte er: „Die Stille muss man spielen mit dem Gewicht seines Herzens“.

Levy So ähnlich sehe ich das auch. Aber Marceau bezeichnete seine pantomimischen Bilder gern als „Schreie der Stille“. Ich habe immer versucht, beide Schulen in mir aufzunehmen. Pantomime ist für mich zum größten Teil Unterhaltung. Und die versuche ich jetzt auch in meine Vorträge einfließen zu lassen, wo ich die Geheimnisse der Körpersprache lüfte.

Wie viele Worte gibt es denn in der wortlosen Kunst?

Levy Für mich ist das gar nicht so eine große Kunst, eher eine technische Fähigkeit. Mir geht es um das Lesen und Beherrschen der Körpersprache. Wie sitzt ein Mensch, fühlt er sich wohl dabei oder nicht? Ist ihm das Gespräch angenehm oder unangenehm? Weil ich vom Theater komme, ist es für mich leichter, das zu entschlüsseln oder zu imitieren. Als Schauspieler machst du das ja immerzu auf der Bühne. Und so kannst du das auch in der Realität: Grimassen schneiden, die unterschiedlichste Stimmungen offenbaren.

Kann man am Gesicht besonders viel ablesen?

Levy Auf alle Fälle. Dieser Körperteil ist ganz besonders beredt. Schauen Sie in die Augen, aber auch auf den Mund. In den ersten Sekunden treffen Sie die Entscheidung, ob Ihnen jemand sympathisch ist oder nicht.

Man sagt nicht umsonst: Der erste Blick entscheidet.

Levy Denken Sie nur an ein Baby. Es schaut dich mit großen Augen an. Es versucht instinktiv, zu verstehen: Bist du gefährlich oder lieb und nett? Es braucht ein paar Minuten, um eine Entscheidung zu fällen. Aber Instinkt kann auch trügen.

Welche Missverständnisse können zum Beispiel entstehen?

Levy Gehen wir mal davon aus, jemand hat kalte Hände. Da kann es sein, dass er friert. Oder sie sind erstarrt, weil er drauf sitzt. Oder er hat Angst. Wir sprechen von „cross informations“. Man muss mehrere Möglichkeiten in Betracht ziehen, Informationen heranziehen aus verschiedenen Quellen.

Mehr als 30 Jahre lang waren Sie immer sehr beredt ganz ohne Worte. Wie ist es, jetzt plötzlich in Vorträgen nicht mit Worten zu sparen?

Levy Das ist total witzig. Mein ganzes Leben lang habe ich auf der Bühne kein Wort gesagt. Und jetzt rede ich die ganze Zeit. Das bringt auch Stress mit sich. Früher war ich geschminkt bei meinen Auftritten, sodass auf der Straße keiner wusste, wer ich bin. Jetzt erkennen mich die Leute, weil sie mich schon auf den Plakaten gesehen haben.

Worauf sollten sich die Lausitzer einstellen?

Levy Auf einen informativen Vortrag über die Geheimnisse der Körpersprache, der durchaus auch amüsant ist. Auf spontane Improvisationen sollte man gefasst sein. Ich spreche Menschen ab 18 Jahren an, besonders aber Geschäftsleute, Betriebsleiter, Rechtsanwälte, Richter, Polizisten...Und da habe ich so manche Überraschung in petto. Früher war das immer eine recht ernste Angelegenheit. Aber ich habe bald gemerkt: Die Menschen wollen lachen, und das werden sie auch.

Mit Elie Levy
sprach Ida Kretzschmar


Die Geheimnisse der Körpersprache. Vortrag: 11. Oktober, 19.30 Uhr, im Lernzentrum Cottbus, Berliner Straße 13/14. Der Eintritt für die gemeinsame Veranstaltung von Stadt- und Regionalbibliothek und Volkshochschule beträgt 16 Euro (14 Euro ermäßigt). Reservierungen unter Telefon: 0355 38060-24 oder online: www.lernzentrum-cottbus.de