Die Karfreitagskonzerte in der Kreuzkirche habe Tradition - warum haben Sie in diesem Jahr gerade diese beiden Bach-Werke ausgewählt?Die Kantate von Johann Sebastian Bach hat die Passion Christi zum Inhalt. Sie ist etwa zur gleichen Zeit entstanden wie die Matthäuspassion, was man an der Musik hört. Mit seinem Librettisten Picaneder konzentriert er sich auf den Moment der Entscheidung Jesu für das Erlöserwerk. Das Oratorium von Carl Philipp Emanuel, dem zweiten Sohn Johann Sebastians, beginnt dort, wo die Kantate aufhört, nach der Kreuzigung und dem Tod Jesu. Es erzählt von Auferstehung und Himmelfahrt. Der Text stammt von Karl Wilhelm Ramler. Beide Stücke zusammen geben eine gute Übersicht, was von Ostern bis Himmelfahrt passiert, deshalb habe ich sie ausgewählt. Außerdem sind sie selten zusammen zu hören. Einmal Bach ist uns nicht genug.

Auch musikalisch ist es doch sicher spannend, Stücke von Vater und Sohn nacheinander zu hören.Das ist sehr reizvoll. Natürlich haben alle Bach-Söhne von ihrem Vater etwas mitbekommen - an Begabung und Ausbildung. Trotzdem haben sie sich sehr unterschiedlich entwickelt. Carl Philipp hat zuerst Jura studiert - in Leipzig und auch in Frankfurt (Oder). Friedrich der Große, der damals noch Kronprinz war, hat ihn als Musiker entdeckt und zuerst nach Ruppin, dann nach Rheinsberg geholt. Als Friedrich 1740 König wurde, nahm er ihn als Cembalist mit nach Berlin. Carl Philipp wurde Mitglied der Hofkapelle. Allerdings soll er als Cembalist nicht sehr ausgelastet gewesen sein, auch seine Werke wurden selten aufgeführt. Er hat in Berlin vor allem Klavierwerke geschrieben, auch Lieder und ein paar Flötenkompositionen.

Die auch von Friedrich gespielt wurden?Das ist nicht verbürgt. Man weiß heute, dass Friedrich wohl ein ziemlich versierter Flötist war, sein musikalischer Geschmack war aber - um es mal vorsichtig zu sagen - ziemlich eingeschränkt. Er führte eigentlich nur Werke seines Flötenlehrers Quantz und des Hofkapellmeisters Carl Heinrich Graun auf.

Das muss doch frustrierend gewesen sein. Was hat Carl Philipp Emanuel Bach in Berlin gehalten?Mehr als Friedrich war das wahrscheinlich das Kulturleben, die literarisch-philosophischen Salons, in denen er mit Leuten wie Klopstock oder Lessing verkehrte. Carl Philipp hatte im bürgerlichen Kulturleben seinen Platz - sicher auch als Komponist und Musiker. Aber er hat schon versucht, von Berlin wegzukommen. 1750, nachdem sein Vater gestorben war, hat er sich als Thomaskantor in Leipzig beworben. Die wollten ihn aber nicht. Den Stadtvätern dort war einmal Bach wahrscheinlich genug. Denn Johann Sebastian lag ewig im Clinch mit ihnen um Geld.

Das kommt einem ziemlich bekannt vor . . .Das mit der Kulturförderung war damals wohl nicht anders als heute. Carl Philipp ging dann nach Hamburg. Als dort sein Patenonkel Georg Philipp Telemann starb, bekam er mit 52 Jahren die Stelle als städtischer Kapellmeister. Damit war er für die Musik in fünf Hauptkirchen zuständig. Dennoch hat er es geschafft, zusätzlich ein bürgerliches Konzertleben in Konzertsälen zu entwickeln, was Telemann schon begonnen hatte. In dieser Zeit hat Carl Philipp seine großen Konzertoratorien geschrieben, von denen wir jetzt eins aufführen.

Wie schwierig sind diese Werke für die Sängerinnen und Sänger?Ein paar Hürden sind schon zu nehmen. Carl Philipp hatte einen eigenwilligen Stil. Es ist eine sehr überraschende Musik mit abrupten, teils schroffen Tempo- und Harmoniewechseln. Er schreibt in Tonarten wie Ces-Dur und Ges-Dur - die es in der Musik des 18. Jahrhunderts eigentlich nicht gibt. Seine Musik schwankt vom Barock bis zur Romantik. Manchmal könnte man denken, es ist eine Komposition von Robert Schumann.

Brauchen Sie dafür eine besondere Besetzung des Orchesters?Es ist besonders prächtig besetzt. Alles, was es damals gab, ist drin. Ich wollte das Stück vor zwölf Jahren schon mal machen, habe aber keine Trompeten bekommen. Die Trompetenpartie ist so hoch, geht bis zum dreigestrichenen f , dass sie nicht jeder spielen kann. Wir konnten jetzt dafür eine Professorin für Barocktrompete aus Berlin gewinnen. Es ist eine Musik der Empfindsamkeit, der Gefühle. Carl Philipp Emanuel Bach beschrieb seinen Anspruch an die Musiker so: "Aus der Seele muss man spielen und nicht wie ein abgerichteter Vogel." Wir wollen versuchen, es ihm recht zu machen und natürlich auch den Zuhörern.

Mit Christian Möbius

sprach Renate Marschall