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Eine Schneeleiche und andere Grausamkeiten

Wolfgang Swat liest in einer gut gefüllten Buchhandlung Hugendubel in Cottbus
Wolfgang Swat liest in einer gut gefüllten Buchhandlung Hugendubel in Cottbus FOTO: Michael Helbig/mih1
Cottbus. Der Raum in der Buchhandlung Hugendubel in Cottbus ist gut gefüllt an diesem Dienstagabend. Der Journalist Wolfgang Swat stellt sein fünftes Buch vor. Erneut handelt es sich um Kriminalfälle aus der DDR. Wie Gastgeberin Eva-Maria Winkel verriet, die Gäste und Autor seitens des Buchhauses begrüßte, zählen sie zu den Bestsellern des Hauses. Renate Marschall

Sie liegen zum Teil viele Jahre zurück, die Fälle, von denen man heute sagen würde, sie waren spektakulär. In Tageszeitungen spielten sie kaum eine Rolle, darauf verweist der Autor, der viele Jahre in der RUNDSCHAU, unter anderem als Reporter, tätig war. Zwar seien kurze Meldungen erschienen, etwa wenn die Polizei um Mithilfe bei der Tätersuche bat, manchmal gab es später noch eine Notiz, dass der Täter gefasst wurde. Gerichtsberichte seien unüblich gewesen, erst recht bei Kapitalverbrechen - nur solche Fälle fanden Eingang in Wolfgang Swats Buch.

Akribische Arbeit

Sie demonstrieren, wie akribisch Kriminalpolizei und Kriminaltechniker gearbeitet haben. Das bestätigt auch der ehemalige Cottbuser Staatsanwalt Horst Helbig, der noch nach der Wende in dem Ruf stand, der härteste in Brandenburg zu sein. Manchen der Fälle, der in Wolfgang Swats Buch wiederzufinden ist, hat er selbst ermittelt. Den Trabi-Mord aus dem Jahr 1990 etwa, der fast als Verkehrsunfall zu den Akten gelegt worden wäre. Doch die Worte der Ehefrau des später als Mörder Überführten "Er wollte uns umbringen", ließen ihm keine Ruhe. Tatsächlich war es ein an den zwei Kindern und der Ehefrau eiskalt geplanter Mord. Ein Fall, der Aufsehen erregt hatte, aus dem Wolfgang Swat an diesem Abend aber nicht liest.

Es sind andere, nicht minder grausame Verbrechen, die zur Sprache kommen. "Grausames Spiel" ist einer der Fälle überschrieben. Das brutale Verbrechen, das selbst den Kriminalbeamten die Sprache verschlug, ereignete sich 2006 in Spremberg. Ein stadtbekannter Trunkenbold wird übel zugerichtet in seiner Wohnung gefunden - der Bauch aufgeschlitzt, ein Auge ausgestochen, der ganze Körper mit Stichwunden übersät. Tatsächlich totgequält. Sein Peiniger stellt sich - erschrocken vor sich selbst - der Polizei. Er weiß, dass sein kranker Kopf die Gewaltfantasien, die ihn vor allem unter Alkoholeinfluss heimsuchen, nicht unter Kontrolle hat.

Aus dem Verkehr ziehen?

Schon einmal, vor 25 Jahren, hatte er getötet, als Jugendlicher. Von einem Gutachter wird ihm eine schizoide Persönlichkeitsstörung attestiert. "Hätte man ihn damals vielleicht schon aus dem Verkehr ziehen sollen?", fragt der Autor in die Runde. "Das Gericht hatte eine positive Entwicklung des 15-Jährigen angenommen, vor allem, da das Elternhaus intakt war. "Gab es zu DDR-Zeiten denn überhaupt eine Unterbringung in der Psychiatrie oder kamen alle ins Gefängnis?", wird aus dem Publikum gefragt. Horst Helbig verweist darauf, dass sich die Rechtsprechung bei Kapitaldelikten nicht von der in der Bundesrepublik unterschied, auch eine Einweisung in die Psychiatrie verfügt werden konnte. Dann hatten die Ärzte das Wort, war eine Heilung möglich oder ging eine dauerhafte Gefährdung von dem Patienten aus.

Nicht weniger abstoßend wie dieser grausame Mord ist, was der "Schneeleiche von Lübbenau" widerfuhr. Rosenmontagsfeier, eine betrunkene Frau, die unter den Tisch rutscht und es nicht mehr auf die Toilette schafft. Man bringt sie vor die Tür, wo sie in sich zusammenrutscht. Die Männer im Saal stacheln sich an, dass die ja nichts mehr merke, man mit ihr seinen Spaß haben könne. Vor allem auf zwei junge Männer, 16 und 17, die noch nicht so recht zum Zuge gekommen sind, macht das Eindruck. Was dann in dieser Nacht passiert, ist unvorstellbar. Nackt wird die Frau am Morgen gefunden, erfroren. Es herrschten um die minus zehn Grad.

13 mörderische Geschichten

Insgesamt sind es 13 mörderische Geschichten, die der Autor beschreibt. Die Stärke dieses Buches, wie auch der vorangegangenen, besteht einerseits in der Authentizität der Fälle. Swat bleibt, was die Fakten betrifft, nahe an den Akten, zitiert daraus, lässt sie in Dialoge einfließen, stellt die Arbeit von Polizei und Justiz dar. Andererseits gelingt es ihm, romanhaft zu beschreiben: den Ort des Geschehens, die Lebensumstände von Tätern und Opfern, die gesellschaftliche Realität jener Jahre. So entstehen gut lesbare, spannende und eben authentische Kriminalstorys.

Wolfgang Swat: Die Schneeleiche von Lübbenau. Verlag Bild und Heimat. 221 Seiten. Taschenbuch. 12,99 Euro.