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Eine Malwelt in unergründlicher Tiefe

Sabine Herrmann vor ihrem Bild "Azzurro" im Foyer des Kunstmuseums Dieselkraftwerk
Sabine Herrmann vor ihrem Bild "Azzurro" im Foyer des Kunstmuseums Dieselkraftwerk FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Großformatige Bilder von Sabine Herrmann sind bis zum 18. Juni im Dieselkraftwerk (dkw.) zu sehen. Die Berliner Künstlerin überrascht mit der ersten umfangreichen Personalausstellung im Kunstmuseum Cottbus. Ida Kretzschmar

Schon im Foyer versinkt der Betrachter in unergründlicher Tiefe. "Azzurro" heißt das 1994 entstandene Werk. Phantomartig scheint eine Figur aus der Abstraktion herauszuwachsen. Es wirkt wie die Suche nach dem wirklichen Blau, die manch andere durch die Kunst- und Literaturgeschichte begleitet hat.

"Die unergründliche Tiefe" aber heißt die gesamte Schau mit rund 50 Malereien und Arbeiten auf Papier, die die 1961 in Meißen geborene und in Berlin aufgewachsene Künstlerin im Dieselkraftwerk vorstellt.

Am Aufgang zum Maschinenhaus grüßen "Die Artisten". Als Diplomarbeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee entstanden, sind sie zugleich eine Hommage an den "Zirkuszauber", der sich gegenwärtig im Schalthaus des Kunstmuseums übermütig verbreitet. "Ich habe damals direkt im Winterquartier vom Zirkus Busch arbeiten dürfen", erinnert sich Sabine Herrmann an jene Zeit: "So frei und individuell wie möglich wollten wir malen. Als Studenten der Malerei und Grafik begannen wir, unseren eigenen Maßstäben zu folgen, inspirierten darin einander. Sich nicht verbiegen lassen - das gilt für mich bis heute", sagt sie.

Und so entfaltet sie ihre Kunst ab Mitte der 1980er-Jahre, ausgehend von neoexpressiver Figürlichkeit zu einer sehr eigenen Malwelt. Davon erzählt einprägsam ihre überdimensionale "Frau im Rad". Ohne Vorgrundierung auf Jute aufgetragen, lässt sie eine Madonna erahnen, begleitet von einer Kugelerscheinung. Aus der einen Malerei entwickelt sich bei Herrmann eine andere. So werden die raumgreifenden Andeutungen nebenan zu einer Frau im Rhönrad, die auch einen guten Platz in der Zirkusausstellung gefunden hätte. Im kräftigen gestischen Malstil ist hier eine weibliche Figur erkennbar, im Tretrad gefangen. Sie sucht sich im Bildraum zu behaupten und rollt doch förmlich auf den Betrachter zu.

Beide Werke korrespondieren miteinander, vereinen sich zu einem gemeinsamen Spannungsfeld. Und sie machen spürbar, wie Herrmann um die Polarität weiblicher Existenz weiß. Wie auch um die Notwendigkeit, die Malspur von Künstlerinnen nicht dem Vergessen preiszugeben. Ihre "Hommage" von 2012 hält jene Namen fest, denen ihre besondere Verehrung gilt.

In diesen Ausstellungsräumen mit viel Platz, Tiefe, Licht und Leichtigkeit atmen die großformatigen Bilder, entstanden und jahrelang gelagert in kleinen Ateliers, förmlich auf. "Auch für mich selbst ist das ein schönes, überraschendes Wiedersehen", sagt die Künstlerin, die eine besondere Schichttechnik entwickelt hat, die sie auf großen Papierbögen ausbreitet und von der zierlichen Künstlerin großen Kraftaufwand erfordert. "Dieser raumgreifende Produktionsprozess dringt ein in die Ästhetik des Bildes", sagt die Leiterin des Kunstmuseums, Ulrike Kremeier. Sie verweist auf den großen Strich, der mit ungeheurem Körpereinsatz geführt wird, die Figur, die ihren Platz zu behaupten sucht. Unterschiedliche Farben, Schichten, Materialien, Figuren, die hervortreten und verschwinden. Und noch verwaschen Spuren hinterlassen.

Die Lust am Experiment tobt sich zwischen 1988 und 1991 auch auf Faltrollos aus. "Ein platzsparendes, tolles Material", sagt die Künstlerin. Eines davon ohne Titel, eine große Knieende, ist in dieser Schau zu sehen. "Ein Bild, das sowohl im privaten Raum, aber auch im öffentlichen Raum erkennbar ist", macht Dkw-Chefin Ulrike Kremeier aufmerksam.

Viele namhafte DDR-Künstler der 80er-Jahre haben auf Faltrollos gemalt, im Fundus des dkw. befinden sich 35 dieser empfindlichen Kunstwerke.

In Sabine Herrmanns Werkstatt gibt es Zeiten, da malt sie fast völlig ab strakt, lösen sich die Formen im Nebel beinahe auf. Auf anderen treten die Figuren deutlich fester hervor. Ähnlich ist es mit den Farben. Bedrohlich dunkel in der "Schwarzen Melodie" strahlen sie auf anderen Bildern Helligkeit und Leichtigkeit aus. Vor allem nach einem Stipendiatenaufenthalt in Nizza 1992 lässt sie das besondere Licht am Meer nicht mehr los. Sie beginnt auf handgeschöpften Papieren zu arbeiten, rührt Pigmente selbst an.

Der Rückzug nach innen, in "Die unergründliche Tiefe", gesellschaftlichen Zwängen trotzend, aber fördert auch sehr viel Persönliches, geradezu Existenzielles zutage. Etwa in dem Bild "Weggehen", das entstand, als fast ihr ganzer Freundeskreis die DDR verließ. Von Traurigkeit umwölkt ist die aufbrechende Figur. Sie hinterlässt eine Leerstelle. Einige Jahre später dann der "Weggang von mir selbst" im leuchtenden Grün. Man kann darin Hoffnung und Aufbruchstimmung lesen, aber auch Verunsicherung. Eine Figur, die ihr Gleichgewicht sucht. Wie auch die anderen Bilder dieser Ausstellung lädt sie dazu ein, von Ton zu Ton schwebend auf eigene Sinnesreise zu gehen - in die unergründliche Tiefe.

Zum Thema:
21. Mai 2017 (Internationaler Museumstag), 15 Uhr, 8. Juni, 11 Uhr, Kunstkreis 60+: 17. Mai, 14 Uhr. Finissage mit den Künstlerinnen Sabine Herrmann und Ina Bierstedt sowie mit Ulrike Kremeier und Jörg Sperlingam 18. Juni, 16 Uhr