"Das Spannende und Inspirierende . . . war für mich, gleichsam in eine Hohlform hineinzusehen und durch das neuerliche In-die-Hand-nehmen der musikalischen Partikel eine Reibefläche vorzufinden, die mir andere Beziehungen zu formulieren erlaubt hat. Interessanterweise vollzieht oder vollzog sich jener Prozess der Sinnkonstitution ein weiteres Mal, als ich dessen Objekt ihm zu entziehen versucht habe . . ."

Go tt sei Dank, ganz so schlimm war es nicht, wie dieses Programmheftzitat für "Estudio horizontal" erwarten ließ. Im Gegenteil, Philipp Maintz ließ die Zuhörer ein weiteres Mal erleben, wie unendlich und unergründlich die Klangmöglichkeiten des wundervollen Instruments "Orchester" sein können. Besonders beeindruckend die flimmernd intensiven Flageolett-Klangflächen der Streicher. Horizonte voller Licht und Hitze waren hier tatsächlich zu assoziieren. Dräuend steigerte sich der Orchesterklang denn auch zu großer Lautstärke und Gewitter-Spannung, um schließlich wieder sanft zu verrieseln.

Dieses Natur-Stimmungs-Spiel war die perfekt passende Einleitung zum Hauptwerk des Abends, dem populären 3. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. Wer je den Film "Shine" gesehen hat, kann es mitsingen. Aber nur "im Prinzip", denn so wie Tzimon Barto dieses Werk interpretierte, hat man es sicher lange nicht gehört. Ganz beiläufig setzt er mit dem lang sich aussingenden Hauptthema ein. Sein Anschlag ist zartes Zauberwerk.

Barto lässt das Klavier atmen und tönen und macht alle Mechanik an diesem komplizierten Instrument vollkommen vergessen. Nicht von ungefähr dachte man bei Bartos Spiel immer mal wieder an Schumann, der das Klavier ebenfalls unvergleichlich singen lassen kann .

Rachmaninow komponierte nicht allein die Musik eines vehementen russischen Frühlings - man wollte ihm sogar die direkte Verwendung von altem Liedgut nachweisen -, sondern er baute auch ein technisch-virtuoses Wunderwerk. Auf einer USA-Tournee im Jahr 1909 wünschte er mit seinem Werk sowohl als Komponist wie auch als Pianist zu glänzen.

Barto hingegen musizierte wunderbar unprätentiös und scheinbar völlig unbeeindruckt von all den technischen Raffinessen. Er ließ die Töne glitzern wie einen Schmelzwasserbach oder rauschen wie einen Frühlingssturm. Gelegentlich stampft er mit dem Orchester auch ganz mächtig auf. Entweder es lag am Beginn des 20. Jahrhunderts in der Luft, das ganze Orchester ganz neuartig als Percussionsinstrument zu benutzen oder der andere Weltbürger der russischen Musik, Igor Strawinski, ließ sich für sein epochemachendes "Frühlingsopfer" auch von Rachmaninow inspirieren.

Tzimon Bartos überaus delikates und schlackenloses Spiel inspirierte wohl auch jeden Musiker des Orchesters. Es gibt eine Stelle, da die ersten Holzbläser und das Horn eine lyrische Melodie direkt vom Klavier übernehmen - die Orchestersolisten lösten diese Aufgabe zum Atemanhalten grandios. Überhaupt passte sich Evan Christ der ganz authentischen Interpretation Bartos, die Lichtjahre vom Tastenwühler- und Klavierlöwentum entfernt war, schmiegsam an. Ist das Konzert schon von seiner Anlage her ein Musizieren gleichberechtigter Partner, so verwirklichten Pianist und Dirigent diese Vorgabe in exemplarischer Weise.

Dass man Tzimon Barto in Cottbus unter anderem als begnadeten Mozartspieler kennt, ist bei seiner Art des Musizierens keineswegs überraschend. Mit einem Rondo des Meisters - zu den ganz großen Mozart-Schöpfungen gehört es wohl nicht - brachte Barto nach der großen Romantik auch seine Kunst der pianistischen Klöppelspitzen wieder in Erinnerung.

Dem kunstgeladenen Naturbild Rachmaninows folgte im Konzertprogramm eine Märchenstunde mit der neuen Konzertmeisterin Elena Soltan als Meistererzählerin Scheherazade. Nikolai Rimski-Korsakow hat die orientalische Sultanin in seiner gleichnamigen Orchestersuite als Solo-Violinstimme lebendig werden lassen. Scheherazade erzählt in den vier Sätzen des Werkes von Sindbad, dem Seefahrer, vom Prinzen Kalender, von einem Liebespaar und dem Schiffsuntergang an ragender Klippe.

Das Orchester wird jeweils von einer solistischen Einleitung zu bunten Schilderungen angestiftet. Drohend peitschen Trompeten und Posaunen das Meer auf und blasen Gefahr. Im heiteren Plauderton erscheinen die "Kalender"-Geschichten, wie geträumt erblickt man Prinz und Prinzessin, schließlich verschlingt das wilde Meer Schiff und Märchenwelt. Evan Christ ließ musizieren, brachte sein Instrument vielfarbig zum Leuchten, machte Musik, einfach einmal zur Freude und zum Staunen .