Das dreiteilige Werk um die Kindheit Jesu ist ein hochdramatisches Oratorium, das die wohlbekannte Weihnachtsgeschichte großartig ausweitet. Die Handlung setzt mit dem Traum des Herodes, dass ein neugeborenes Kind ihn entmachten würde, ein und endet mit der glücklichen Aufnahme der heiligen Familie im Haus des ägyptischen Zimmermanns. Ein Erzähler berichtet von diesen Ereignissen.
Hector Berlioz war ein romantischer Revolutionär, dessen Ideen Grenzen sprengten. Er brach, bewusst nach dem Vorbild Beethovens, die traditionellen Formen von Sinfonie, Oratorium und Oper auf; er sprengte übliche Dimensionen von Klanggewalt und Länge einzelner Gattungen. Alle seine Werke haben genialisches Feuer und einige fordern in ihren Besetzungen extreme Monumentalität. Seine Chöre und Orchester konnten gelegentlich nur von mehreren Dirigenten gleichzeitig bewältigt werden. Dem traditionellen französischen Hang zur Klarheit und klassisch gezügelten Form war er unsympathisch. Berlioz' Ruhm glänzte am hellsten in Deutschland in den Kreisen um Liszt und Wagner.

Sensibles Klangbild
In seinem Oratorium über die Kindheit Jesu, das er zwischen 1850 und 1854 komponierte, verzichtete Hector Berlioz auf überdimensionierte Chor- und Orchestermassen. Das Klangbild ist an keiner Stelle monumental; selbst in den hochdramatischen Passagen bleibt es durchsichtig und sensibel.
Obwohl Berlioz auffallend viele Fugati und andere altmeisterliche Kunstfertigkeiten in dieses Oratorium einflicht, ist er als Romantiker auch hier unverkennbar. Seine Musik findet nur selten Ruhepunkte, sie strömt in immer wieder neuen Ansätzen und Aufschwüngen einem in der Ferne erahnten Ziel entgegen. Nur selten findet sie Ruhepunkte.
Zumindest sollte man ein solches Sehnen und Vorwärtsdrängen hören und verspüren, wenn ein Werk von Berlioz erklingt. Das Cottbuser Philharmonische Orchester war jedoch zumindest am Freitagabend in der ersten Aufführung von "L'Enfance du Christ" weit davon entfernt, dergleichen zu bieten. Selbst dann, wenn explizit auf ein Voranschreiten verwiesen wurde, wie im ersten Teil beim "Nächtlichen Marsch", war man eher akustischer Zeuge der Heimkunft fußmüder Wanderer als dem disziplinierten Marschieren römischer Kohorten. Der instrumentale Beginn des zweiten Teils schildert, musikalisch bildhaft deutlich, wie die Hirten flinken Schrittes zum Stall in Bethlehem kommen - aber nein, sie eilten durchaus nicht, sie waberten statisch und richtungslos im Notennebel über die Heide.
Das Orchester unter Reinhard Petersens Leitung schien überhaupt von einer nebulösen Lähmung befallen zu sein. Fast nichts gelang souverän, keine Phrase wurde ausgespielt, kein melodischer Bogen auf einen Höhepunkt hin gestaltet, keine Oboenkantilene schwebte in süßer Ruhe über dem Freudenduett der heiligen Familie an der Krippe. Im Gespinst der Fugen verhedderte man sich ein ums andere Mal, vom Musizieren dieser Stellen keine Rede; alles klang derart unsicher, als wäre es nur eine Frage des Glücks, dass kein allzu großer Schmiss passierte. Das Orchester teilte sich die Mühen der Flucht nach Ägypten redlich mit Maria, Joseph und dem armen Esel. Orchestrale Rettungsinseln boten allein die dramatischen Passagen.
Das Flöten- und Harfentrio im dritten Teil war die erfrischende Ausnahme. Sehr schön gelang der dezente arabische Anklang, den Berlioz den Bläserpassagen gab.
Die wenig erfreuliche Orchesterleistung war umso bedauerlicher, als man vom Chor und den Solisten streckenweise Großartiges zu hören bekam. Exzellent und ausnahmslos jedem internationalen Vergleich gewachsen war Tilmann Rönnebeck als Herodes und ägyptischer Hausvater. Donnernd dramatisch, dann wieder in höchste und hauchzarte Lagen sich versteigend, gestaltete er den exaltierten Wahnwitz des Herodes in allen denkbaren Spielarten. Auch an purer Stimmkraft blieb er nichts schuldig. Spannender kann keine Opernszene sein. Ganz anders der Charakter des Hausvaters, ihn leiten Güte und Freundschaft. Hier hütete sich Rönnebeck vor der Versuchung, in ein sämig massives Bassgeorgel zu verfallen.

Glaubhaftes Elternpaar
Er blieb schlank im Ton und wahrte so das klangliche Gleichgewicht zu seinem Gast Joseph, gesungen von Andreas Jäpel. Andreas Jäpel und die Maria Cornelia Zinks waren ein glaubhaft junges Elternpaar, ohne Fehl und Tadel singend, voll naiver Freude über das Kind, tief erschrocken über die Hartherzigkeit der Bewohner der Stadt Sais, die ihnen ein Notlager verweigern. Cornelia Zinks süddeutsch geschulte Sopransüße strahlte über dem Ensemble. Eine große Partie hatte auch Matthias Bleidorn als Erzähler zu bewältigen und er entledigte sich seiner Aufgabe überlegt und mit Anstand, in lyrischen Passagen mit sehr schönen Tönen.
Der Chor trägt in diesem Werk die Handlung weitgehend mit. Die Weisen Judäas deuten Herodes Traum und stacheln ihn zum Kindermord zu Bethlehem auf, die Engel wachen über die Flucht nach Ägypten, die Bewohner Sais' verweigern die Herberge. Vie le Aufgaben sind von kleinen Gruppen zu bewältigen und immer klang der Chor homogen. Der A-cappella-Schlusschor gehörte zu den ergreifendsten Momenten des 90-minütigen, in einer guten Übersetzung in deutscher Sprache gesungenen Werkes.