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Eine Geschichte über Sehnsucht und Freiheit

Peter Wensierski (l.) und Jens Kießling entführen die Zuhörer auf eine verbotene Reise.
Peter Wensierski (l.) und Jens Kießling entführen die Zuhörer auf eine verbotene Reise. FOTO: Peter Becker
Burg. Es ist der Traum Vieler: Zeit haben ohne Ende. Um sich Zeit zu verschaffen, kennt der Mensch oft nur ein Mittel: Er macht schnell. Doch jetzt verfliegt die Zeit erst recht. Wie es anders geht, zeigt eine außergewöhnliche Lesung. Johannes M. Fischer

Rundum Stille. Eine kleine Gruppe in der Sumpflandschaft des Spreewaldes. Ein Mann, mehrere Kinder. Naturforscher. Ein Bach plätschert leise durch die Landschaft. Plötzlich schießt lautlos ein kleiner, bunter Vogel über das Wasser. Eines der Kinder weiß sofort Bescheid. Es ist ein Eisvogel. Der erwachsene Anführer, den sie im Dorf den Vogel-Müller nennen, ist erstaunt. Es ist der Beginn einer Freundschaft zwischen dem Lehrer und seinem Schüler Jens.

Jahrzehnte später in Burg. Dienstagabend, im Hotel "Zur Bleiche", es ist bereits dunkel. Christine und Heinrich Michael Clausing begrüßen die Gäste. Das Ehepaar rief 2002 die Spreewälder Kulturstiftung ins Leben, unter anderem, um "der Literatur im Spreewald eine neue Heimat zu geben". Seitdem gingen an diesem Ort zahlreiche Schriftsteller ein und aus. Dennoch ist dem Hotelier-Paar an diesem Abend eine gewisse Spannung anzumerken - das Bangen und Hoffen des Veranstalters kurz vor der Lesung.

Etwa 150 Gäste sind gekommen, um der Lesung von Peter Wensierski aus dem Buch "Die verbotene Reise" beizuwohnen. Neben dem Autor sitzt ein Mann, namens Jens. Es ist seine Geschichte und die seiner Freundin Marie. Die "verbotene Reise" trug die beiden weit hinaus aus dem kleinbürgerlichen Mief der DDR. Sie begann am Prenzlauer Berg in Berlin und führte sie durch weite Steppen und karge Wüsten bis nach Peking.

In der Geschichte tragen die Helden nur Vornamen. Das bringt Nähe zum Leser. Nun aber sitzt Jens Kießling, der Junge, der einst den Namen des kleinen, bunten Vogels erriet, noch viel näher an seinen Lesern. An jenem Tisch mit Peter Wensierski, der der Geschichte von Jens und Marie nachgegangen ist, und sie aufgeschrieben hat. Ein Beamer projiziert ausdrucksstarke Fotos an die Wand. Sie zeigen Weite. Wüste. Enge Straßen. Exotische Orte. Asiatische Gesichter. Denn Jens Kießling, der Vogelforscher, der Freiheitsdürstige, der Abenteurer - er ist auch Fotograf. Mit mehr als zehn Kilogramm erschwerten Kamera und Objektive das Gepäck, mit dem die beiden Abenteurer am Ostbahnhof in den Nachtexpress nach Moskau stiegen.

Autor und Held haben die Zuhörer schnell in ihren Bann gezogen. Geheimpolizisten, die sich als Mönche tarnen. Ein Versteck im Wald, in dem Marie mehrere Nächte alleine ausharrt. Die Flucht aus einem fahrenden Jeep. Aber auch: Weite Landschaften, die nichts als Sehnsucht und Freiheit ausdrücken. Überschwängliche Freude beim Waschen im Gebirgsbach.

Es ist die Kombination, die den Vorleseabend in der Bleiche besonders macht. Da ist Wensierski, der Erzähler. Er hat sich tief in seine Figuren hineinrecherchiert - es ist, als wäre er dabei gewesen. Da ist Kießling, der Protagonist mit den wachen Augen. Und da sind die Bilder, die ihre besondere Wirkung auch deshalb entfalten, weil sie authentisch kommentiert werden. In diesen Kommentaren fallen simple Sätze, die kurz aufblitzen, ihre Wirkung aber dauerhaft im Strom der Erzählzeit entfalten. "Das Schöne am Reisen", sagt Jens Kießling, "du hast sehr viel Zeit." Auch das Wort "einsam" fällt, allerdings nicht im herkömmlichen Sinne, sondern im Zusammenhang mit der menschenleeren Landschaft und dem Schlafen unter freiem Himmel. Zur weiteren Beschreibung braucht der Abenteurer, der heute in seiner Wahlheimat in Burg lebt, nur drei Worte: "ein unheimliches Wohlgefühl."

Irgendwann ist die Lesung vorbei. Viele Gäste lassen sich eine Widmung in das Buch schreiben. Für eine Dauer von etwa zwei Stunden waren sie miteinander verbunden und hingen ihren Vorstellungen von Freiheit und Ewigkeit nach. Die Idee des Gastgebers Heinrich Michael Clausing, dass die Gastronomie wie einst der Dorfgasthof "Klebstoff der Gesellschaft" sein könnte, der das auseinandertreibende Individualwollen vereint, erfüllt sich für eine befristete Zeit.

Der Saal leert sich. Zwei der letzten, die sich von Jens Kießling ein paar Worte ins Buch schreiben lassen, sind Regina und Karl Brunsch aus Calau. "Mein Vati war Leiter der Station Junge Naturforscher", lächelt Regina Brunsch. "Siegfried Müller. Aber sie nannten ihn alle den Vogel-Müller."

Peter Wensierski: "Die verbotene Reise. Die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht", Deutsche Verlags-Anstalt, 256 Seiten, gebunden 19,99 Euro, ISBN 9783421046154.

www.die verbotenereise.de