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Eine atemlose Jagd auf das Böse

Allesamt großartig: Maja Lehrer, Lucie Thiede, Lisa Schützenberger und Ariadne Pabst in "Hexenjagd".
Allesamt großartig: Maja Lehrer, Lucie Thiede, Lisa Schützenberger und Ariadne Pabst in "Hexenjagd". FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Andreas Nathusius stellt sich mit "Hexenjagd" erstmals im Staatstheater in Cottbus vor. Viel besser hätte sein Einstieg nicht gelingen können. Daniel Schauff

Eine kurze Videosequenz begleitet den ersten Auftritt der "Hexen von Salem". Fahlblaue Neonröhren sind im Hintergrund der Bühne zu einem Kruzifix geformt. Viel mehr Technik gibt es in den gut zwei Stunden nicht, in denen Regisseur Andreas Nathusius Arthur Millers "Hexenjagd" erzählt. Braucht es auch nicht. Eine riesige Holzkonstruktion, durch die das Bühnenlicht in einigen Szenen wie Sonnenlicht von Vorhängen gebrochen wird, bildet das Örtchen Salem am Ostrand der USA im späten 17. Jahrhundert gleichzeitig simpel und wohl auch deshalb so beeindruckend nach: die heimische Stube, der Gerichtssaal, in dem Recht nur eine Nebenrolle spielt, und das Gefängnis, in dem unbescholtene Bürger dazu gezwungen werden sollen, einen Pakt mit Geistern zuzugeben, um sich so vor dem Tod durch den Strick zu retten.

Nathusius, der zum ersten Mal für das Cottbuser Staatstheater inszeniert, verlässt sich in "Hexenjagd" zurecht voll und ganz auf die Stärke seiner Darsteller. Gunnar Golkowski spielt John Proctor, der vom Ehebrecher zum Helden wird, weil er sich nicht beugen lässt und den eigenen Tod einem erlogenen Bündnis mit dem Schlechten vorzieht. Seine Wut und seine Verzweiflung werden von Szene zu Szene deutlicher, gefährlicher und bedrückender. Lisa Schützenberger wird als Abigail Williams von der Verdächtigen zur Kronzeugin. Sie selbt hat den Hexentanz in der Nacht vollführt, beschuldigt aber wahllos andere, im Bund mit dem Teufel zu stehen und bewegt sich dabei irgendwo zwischen Wahnsinn und Berechnung, mit der sie auch Betty Paris (Lucie Thiede), Mercy Lewis (Maja Lehrer) und Mary Warren (Ariadne Pabst, allesamt großartig) in ihren Bann zu ziehen vermag.

Es sind zum Teil nur kleine Nuancen in der Stimme, die Reverend Parris (Thomas Harms) zum gewollten Ekelpaket werden lassen, das allein um seinen guten Ruf in der Gemeinde fürchtet. Reverend John Hale (Alexander Höchst) hingegen stellt am Ende seine Menschlichkeit über seinen festen Glauben. Den Weg dorthin geht Höchst mal mit beeindruckender innerlicher Ruhe, bei der seine Stimme die Hauptrolle spielt, mal mit so viel Leidenschaft, dass der Zuschauer gar nicht anders kann, als mitzuleiden.

Millers Hexenjagd ist in den 50er-Jahren entstanden, war damals ein Kommentar des Autors auf die antikommunistische Hetzjagd unter Senator Joe McCarthy und die dadurch entstehende Angst unter den Bürgern. Mühelos lässt sich Hexenjagd in die heutige Zeit übertragen, in der Radikalisierungen im Politischen wie unter den Bürgern weltweit wieder eine Rolle spielen. Da Nathusius Ort und Zeit des Stücks aber dort belässt, wo Miller sie selbst platziert hat, bleibt dem Zuschauer das Assoziieren selbst überlassen. Viel besser als mit Nathusius' Hexenjagd kann man einen mitreißenden Theaterabend nicht zubringen.

Zum Thema:
Roland und Roswitha Knappe: "Schon der Einstieg war beeindruckend. Wir haben die ganze Zeit mitgebangt und mitgefiebert. Es ist auch spannend, wie aktuell dieses Thema ist, und wie schnell so eine Hexenjagd auch heute passieren kann."Sophie Lehmann: "Die Spannung war durchgehend zu spüren, es gab keinen langweiligen Moment. Das Bühnenbild war toll, obwohl oder gerade weil es so schlicht war.Svenja Rosemann: "Es gab sehr viele Gänsehautmomente. Die Schlichtheit der Bühne war beeindruckend, und sie hatte trotzdem eine starke Wirkung. Die ganze Zeit war eine Spannung zu spüren."