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Ein Wasserhahn für Aggressionen

Cai Dongdong: Ein Volk schießt sich gegenseitig tot.
Cai Dongdong: Ein Volk schießt sich gegenseitig tot. FOTO: Peter Becker
Burg. Er wohnt in Peking, ist Lärm, Staub und Stress gewöhnt – und kommt gerade von einer Kahnfahrt im Burger Spreewald zurück. "Die Natur, die Luft, die Stille . Peter Becker / peb1

. . ich will es gar nicht glauben, dass es so etwas noch gibt", lässt er sogleich wissen. "Hier in Deutschland kann es doch nur glückliche Menschen geben, Menschen die eine intakte Natur als Wichtigstes zu schätzen wissen", ergänzt Cai Dongdong. Mit ihm steigen aus dem Kahn Professorin Yu Zhang, die Eventkünstlerin Hu Yingping und Christine Clausing vom Burger Hotel Bleiche Resort & Spa. Hinter ihnen liegt eine Fahrt in den Sonnenuntergang, mit wenig Mücken, aber mit reichlich Gesprächsstoff über den Sinn des Lebens, die Rolle der Künste und über aktuelle Themen. Gedolmetscht wird von Yu Zhang von der Gesellschaft für deutsch-chinesischen Kulturaustausch. Kennengelernt hatte sich das Quartett im Berliner Fotomuseum. Christine Clausing war auf der Suche nach Ansprechpartner für die Filmwochen in der Bleiche, die es seit Jahren gibt. "Wir wollen den besonderen Film verschiedener Länder in die Bleiche bringen, vielleicht sogar so eine Art ‚Burginale‘ etablieren", erzählt sie. Es ist ihr eine Herzensangelegenheit, besondere Kunst und begabte Künstler zu fördern. Mit der Spreewälder Kulturstiftung im Rücken konnte schon zahlreichen Schriftstellern ein Spreewaldstipendium in der Bleiche ermöglicht werden.

Cai Dongdong ist kein Filmemacher, kein Literat, aber ein international anerkannter Fotograf. Er setzt sich mit der Fotografie als Propagandamedium auseinander und zeigt, wie sie praktisch für jeden Zweck gebraucht oder missbraucht werden kann. Seine bekanntesten Werke sind Soldatinnen, montiert vor einem Meer mit Wasserhahn. "Ich möchte die Aggression wie das Wasser ablassen können", lautet seine Interpretation. Ein anderes Foto zeigt schießende Soldaten der Volksbefreiungsarmee, das gleiche Foto ist seitenverkehrt daneben montiert: Ein Volk schießt sich gegenseitig tot. Die Kulturrevolution in China ist sein Thema, es treibt ihn an und er versucht, seinem Volk mit künstlerischen Mitteln den Spiegel vorzuhalten.

Der 1978 Geborene bekam in der Volksarmee statt einem Gewehr eine Kamera und den Auftrag, Soldaten zu porträtieren. Einmal quasi per Befehl Feuer von der Fotografie gefangen, schloss er nach seiner Armeezeit an der Peking-Akademie ein Studium an. Danach folgten schwere Schaffensjahre im Moloch Peking, begleitet von zahleichen Umzügen, denn die Metropole braucht für modernen Zweckbauten immer wieder neuen Platz, den sie sich aus den Billigwohnvierteln holt. Seine Begleiterin Hu Yingping hat es noch schlimmer getroffen, sie lebt praktisch aus der Umzugskiste, denn auch sie wird vom Stadtzentrum von gnadenlosen Vermietern immer weiter nach außen gedrängt.

Cai Dongdong kommt immer wieder auf die gesellschaftlichen Zwänge in seiner Heimat zu sprechen, erzählt vom ausufernden Kapitalismus, der manchmal kaum noch auszuhaltenden Luftverschmutzung in Peking. "Hier ist davon nichts zu spüren, hier komme ich runter und kann über neue Fotoprojekte nachdenke. Ich bin der Familie Clausing überaus dankbar, dass sie uns in ihr Haus eingeladen hat", sagt Cai Dongdong..