| 16:41 Uhr

Ein verfluchtes Werk wird populär

Zum Ende der Spielzeit wird die Uraufführung des Generalmusikdirektors Evan Christ (r.) bejubelt.
Zum Ende der Spielzeit wird die Uraufführung des Generalmusikdirektors Evan Christ (r.) bejubelt. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Mahlers 5. Sinfonie: Einst verschrien, inzwischen Kult. Beim 8. Philharmonischen Konzert am Staatstheater Cottbus wandelt das Orchester zwischen Wucht und Wonne. Rüdiger Hofmann

Ein Brandenburgisches Doppelkonzert des Generalmusikdirektors Evan Christ und ein prächtiges Werk des Österreichers Gustav Mahler: Zwei feurige Gewürze bildeten am Wochenende die Hauptzutaten eines kraftvollen Abschlusses der Philharmonischen Konzerte dieser Spielzeit am Cottbuser Staatstheater.

Das lässt er sich nicht nehmen. Generalmusikdirektor Evan Christ bringt mit dem "Brandenburgischen Doppelkonzert 2 für Oud, Sopran und Orchester" eine eigens komponierte Uraufführung zu Gehör und steht dabei auch gleich selbst am Pult. Ist noch nicht so ungewöhnlich.

Ungewöhnlich wird es in der Besetzung mit Abathar Kmash aus Syrien als Spieler einer Oud (einer Kurzhalslaute, deren Urform aus Persien stammt) und mit der Art, wie die kalifornische Sopranistin Debra Stanley ihre gesangliche Rolle ausfüllt. Auf Wunsch des Komponisten wählt sie nach eigenem Ermessen Silben, mit denen sie zwar den musikalischen Gehalt des Gesangs zur Geltung bringt, sich inhaltlich aber von den gängigen sprachlichen Ausdrucksformen der modernen Kommunikation weit entfernt bewegt. Auf den ersten Blick sehr experimentell, auf den zweiten jedoch eine Hommage an Bach mit der primären Intention des Taktgebers, Kulturkreise zusammenzuführen.

Die Trommler sind dabei zentrales Motiv und geben einen verqueren Rhythmus vor, die Harmonik leitet sich aus Bachs Motetten ab. Der Mittelteil überzeugt effektvoll mittels lautstarker Perkussion. Stanleys hineingeworfene Silben vereinen sich zu einem Gesamteindruck, den die Oud komplettiert - mal greifbar, mal schemenhaft.

Nach der Uraufführung folgt das Kraftpaket des Abends: Gustav Mahlers 5. Sinfonie. "Die Fünfte ist ein verfluchtes Werk, niemand kapiert sie", seufzte Gustav Mahler vor mehr als 100 Jahren über das 1904 uraufgeführte Werk. "Verflucht" war die Sinfonie jedenfalls nicht nur für Mahlers Zeitgenossen (die Musikkritiken in den Jahren nach der Uraufführung waren größtenteils negativ), sondern auch für ihn selbst. Bei keiner anderen seiner Sinfonien hat er so um die endgültige Gestalt gerungen wie bei der Fünften.

Ob man die Sinfonie heute besser kapiert, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass das Werk, einsam und düster mit einem Trompetensignal beginnend, inzwischen eines der populärsten Stücke Gustav Mahlers ist. Dazu hat besonders Viscontis Verfilmung von Thomas Manns "Tod in Venedig" beigetragen, die das Adagietto aus Mahlers Sinfonie ausgiebig nutzt.

Die Fülle an motivischen Anspielungen, die ungeheure Komplexität der Vorgänge im Inneren der einzelnen Sätze ebenso wie die subtilen Verbindungen und Transformationen über die Satzgrenzen hinweg stehen für ein außergewöhnliches Klangerlebnis. Vor allem aber ist die 5. Sinfonie von Gustav Mahler ein großartiges, ausuferndes und ungemein polyfon gearbeitetes Werk, das Orchester und Dirigenten jedes Mal neu vor große Herausforderungen stellt, was Klangbalance, Klarheit und Emotionalität angeht.

Neu an der Fünften ist, dass Mahler auf die Verarbeitung bereits bestehender Liedvorlagen verzichtet, auf den Bezug zu den Wunderhornliedern wie bei der Zweiten, Dritten und Vierten Sinfonie oder den Liedern eines fahrenden Gesellen (Erste) ebenso wie auf die menschliche Stimme, die in der Zweiten bis Vierten Sinfonie eine wichtige Rolle spielt.

Stattdessen arbeiten die Cottbuser Philharmoniker den Instrumentalcharakter als Orchesterform schärfer hervor, wobei vor allem die Blechbläser eine neue Bedeutung erhalten. Mit schweren, glänzenden, metallharten Klängen kokettieren diese - und sind für den oft beißenden, quälend aggressiven Ton (vor allem in den ersten beiden Sätzen), ebenso aber im letzten Satz für die überwältigende Leuchtkraft des Schluss-Chorals verantwortlich.

Evan Christ zielt mit seiner Interpretation ausufernd, aber beherrscht den inneren Gedankengang in einer großen zwingenden Form auf ein gewisses Ziel hin: den Schlusssatz. Er führt von der Klage des Anfangs (1. Satz, "Trauermarsch"), über den schmerzgepeinigten Aufschrei des zweiten Satzes ("Stürmisch bewegt") in eine Welt des absoluten Friedens (4. Satz, "Adagietto") und schließlich zum erlösenden Rondo-Finale. Dazwischen steht als dritter Satz und Mittelachse ein ausgedehntes Scherzo, das eine eigene Abteilung bildet und von der Moll-Sphäre der Sätze 1 und 2 in die Positivität der Sätze 4 und 5 führt.

Im ersten Satz lotet der Cottbuser Bühnenapparat bereits viele opulente Klangfarben aus, ohne es an verträumten Einspielungen vermissen zu lassen. Kontrabässe übernehmen dann das Ruder und bauen eine Drohkulisse auf, dramatisch eruptiv, wie Gestampfe voller Vehemenz.

Evan Christ balanciert auf diesem Vierklang zwischen Tradition, Form, musikalischem Mittel und Inhalt. Beschwingt und federleicht kommt dann der dritte Satz daher, teils grotesk, teils vermischt mit traditionellen Tanzelementen und angereichert mit verschlungenen, kaum artikulierten Motiven, die zu einer simpel anmutenden Gestaltungsweise führen.

Im vierten Satz gönnen sich alle Musiker bildlich gesprochen eine Pause, er stellt den Ruhepol des Abends dar. Eine Oase der Glückseligkeit - zum Dahinschmelzen, Träumen, Verschnaufen - bevor es im finalen, fünften Satz schließlich äußerst rau zugeht. Bläser wie Streicher entwickeln ein turbulentes und ausgelassenes Geschehen. Der ungebrochene Bewegungsimpuls löst große Hektik und Unruhe aus.

In diesem musikalischen Epizentrum steuern allesamt schließlich auf eine furiose Schlussszene hin. Lärmend und übersteigert wird grenzenloser Jubel dargestellt und durch die Wiederkehr des Chorals aus dem zweiten Satz eingeleitet. Mahlers letzte Tempoangabe gibt vor: "Allegro molto und bis zum Schluss beschleunigend". Christ hält sich an die Vorgabe: Der alles mitreißende Taumel beendet die Sinfonie mit einem mächtigen Tuttiakkord. Tosender Schlussapplaus ist allen sicher. Man freut sich schon jetzt auf die neue Konzertsaison.