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Ein Stück Schwerstarbeit

Gesine Forberger (Marie) und Andreas Jäpel (Wozzeck) in einer Szene aus der Oper.
Gesine Forberger (Marie) und Andreas Jäpel (Wozzeck) in einer Szene aus der Oper. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Oper "Wozzeck" feiert am Staatstheater Premiere. Schnörkellos inszeniert Christiane Lutz den verzweifelten Abstieg Wozzecks. Irene Constantin

Dieses Stück war Schwerstarbeit für alle, angefangen bei den Autoren Georg Büchner und Alban Berg über die Cottbuser Interpreten mit Andreas Jäpel, Evan Christ, Christiane Lutz an herausragenden Stellen bis zu den Zuschauern und Zuhörern im Theatersaal.

Es gilt Zeiten zu erfassen, deren Eliten einen intellektuellen Aufbruch mit tief verwurzelter Menschenverachtung mühelos verbinden konnten. Das Dramenfragment "Woyzeck" entstand im Jahr 1836; Restauration, Metternich-Zeit. Die Gärungen des Vormärz hatten noch kaum begonnen, in England war zwei Jahre zuvor gerade erst die Sklaverei abgeschafft worden.

Der 1. Weltkrieg mit Tod und Hunger war der gewalttätige Hintergrund zur Komposition. Alban Berg arbeitete von 1917 bis 1921 an seinen 15 pausenlos aufeinanderfolgenden Szenen zu Büchners Text. Jedes Stück ist in sich abgeschlossen, dennoch fügen sie sich stringent zum Zeit- und Charakterbild.

Dennoch unternimmt Christiane Lutz in ihrer Inszenierung keinerlei Elendstourismus. Sie führt ein Experiment vor: Was geschieht mit einem armen Mann, dem man nach und nach Gesundheit, Selbstachtung und Liebe entwendet? Christiane Lutz‘ Ausstatterin Natascha Maraval hat ihr dafür eine Art Labor gebaut. Wie eine ringförmige Burg ragt eine weiße Wand empor, die in jeder Szene andere Öffnungen und Durchgänge zulässt. Sparsam charakterisiert entstehen die Spielorte - die Praxis des Doktors, Maries Stube, die Kaserne. Mit der Versuchsperson, dem Soldaten Wozzeck, ist anfangs noch alles irgendwie in Ordnung. Noch kann er sich den überheblichen Moralpredigten des Hauptmanns irgendwie erwehren, noch bewältigt er seine vielen Jobs, um Geld zu verdienen für seine Geliebte Marie und sein Kind.

In Lutz‘ Inszenierung schafft er es sogar, ein Forscherinteresse zu entwickeln. Brennend interessieren ihn die Molche, die er für den Doktor fangen soll. Er mikroskopiert und beobachtet, ob sie wirklich aus ihrem eigenen Körper ein neues Herz für sich erschaffen können, wenn das eigene herauspräpariert ist. Bis heute forscht man an der erstaunlichen Regenerationsfähigkeit von Molchzellen, die auch den Arzt Georg Büchner bereits beschäftigte.

Wozzeck ist von der Herz-Idee besessen. Wenn ihn die Hülsenfrucht-Ernährungsexperimente des Doktors, die Verführung Maries durch den groben Tambourmajor und die Verachtung seiner Kameraden erst ganz in halluzinatorische Wahnzustände getrieben haben, wird er Marie mit einem Skalpell ermorden und ihr Herz anschauen.

Schnörkellos inszeniert Christiane Lutz den verzweifelten Abstieg Wozzecks, genau und widerspruchsfrei ordnet sie den Nebenfiguren ihre Rollen zu. Einzig Marie hätte eine weniger typisierte Personenführung gut getan. Gesine Forberger musste dauernervös nicht selten zu laut, zu schrill, zu abrupt - auch in zärtlichen Momenten - reagieren.

Andreas Jäpel ist ein großartiger Wozzeck, unverbraucht in dieser Rolle kann er den Abstieg der Figur wirklich spielen. Immer wieder lässt er spüren, dass dieser Wozzeck inneren Reichtum besitzt, dass er unter anderen Umständen nicht zum Mörder werden müsste. Bei der extremen Schwierigkeit der Gesangspartie ist diese Spielfähigkeit umso bewundernswerter.

Allen anderen Figuren, dem gesamten Ablauf der Vorstellung merkte man wieder einmal an, wie wunderbar das Cottbuser Ensemble funktioniert, wie sich jeder Solist in seine Rolle hineinsteigert und man doch bruchlos und mit traumwandlerischer Sicherheit zusammenspielt.

Hauptmann und Tambourmajor scheinen extra für Dirk Kleinke und Jens Klaus Wilde erfunden zu sein. Ulrich Schneider gab einen ehrgeizigen Wissenschaftler, geschmeidig aber gänzlich empathielos, Matthias Bleidorn einen eher herben, Wozzeck nur karg zugewandten Andres.

Evan Christ hatte die fast überschwere Aufgabe, aus Alban Bergs expressiver Zwölftonmusik wirkliche Opernmusik zu machen. Die komponierten, aber im dichten Notensatz oft verborgenen Kantilenenansätze, lyrischen Lichtblicke, Tänze müssen so aus der Klangmasse herausleuchten, dass das Publikum sie wahrnehmen kann. Immer gelang dies nicht, der emotionale Grundton der Qual, Verzweiflung und gleichzeitigen Lebens-Sucht wurde jedoch nie verfehlt.

Sehr interessant und beeindruckend genau gearbeitet auch die vom Komponisten geforderten unterschiedlichen Gesangsarten vom normalen Sprechen über tonhöhengerechten Sprechgesang bis zur wohlbekannten Opern-Stimmgebung.

Man hat den "Wozzeck" wohl schon lyrischer und klanglich schmiegsamer gehört als im Cottbuser Staatstheater, selten aber inszenatorisch und musikalisch genauer und intensiver als Ensemblestück aufgefasst.

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