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Ein Spektakel mit Spaß ohne Ende

,,Die spanische Fliege" in Cottbus.
,,Die spanische Fliege" in Cottbus. FOTO: M. Kross
Cottbus. Sie sind regelrecht gefeiert worden, die Schauspieler und das Produktionsteam, das am Sonntagabend den Schwank ,,Die spanische Fliege" auf die große Bühne des Staatstheaters Cottbus brachte. Zu Recht, denn an diesem Abend stimmte einfach alles. Renate Marschall

Was für ein Spektakel: In knallbunten Kostümen rennen, hüpfen, wanken, kriechen die Akteure über die Bühne. Regisseur Mario Holetzeck und Bühnenbildnerin Gundula Martin haben das mit dem Schwank ernst genommen: Der Bühnenboden ist mit Schaumgummi-Matratzen ausgelegt, angeschrägt noch dazu. So ist von Anfang an klar, diese verworrene Geschichte hat eine Schräglage und je mehr die einzelnen Figuren versuchen, sich in Position zu bringen, desto mehr tappen sie ins Ungewisse. Standfestigkeit ist auf diesem Untergrund nicht zu erlangen. Zu allem Überfluss tut sich immer mal eine Öffnung auf, durch die man auftauchen oder verschwinden kann.

Diese Löcher im Boden ersetzen die sonst bei einem Schwank unentbehrlichen klappenden Türen, schaffen zusätzlich komische Situationen, wenn mal nur eine der surrealen Betonfrisuren auftaucht oder einer versucht, ungelenk mit den Beinen zuerst, den Ort der Handlung zu erklimmen. Unversehens fliegt er manchmal wieder runter - mit Schwung über den Bühnenrand, wenn er den anderen gerade nicht in den Kram passt. Und das passiert häufiger.

Begleitet werden alle Aktionen von Geräuschen, die zwei Geräuschemacher (Tobias Dutschke und Dietrich Petzold) an der Seite der Bühne erzeugen. Ohne sie wäre der Spaß nur halb so groß. Der gute alte Stummfilm lässt grüßen.

Die Geschichte selbst ist so einfach wie verworren. Mostrich-Fabrikant Ludwig Klinke hat eindunkles Geheimnis, das er 25 Jahre vor seiner Frau verbergen konnte: einen Sohn mit einer Tänzerin. Sie trug den Künstlernamen "Spanische Fliege", Anspielung auf ihre aphrodisierende Wirkung. Für den Sohn hat Ludwig Klinke (köstlich Amadeus Gollner - zwischen der Erprobung neuer Mostrichsorten und dem Familienchaos hin und her gerissen) immer fleißig gezahlt. Hauptsache, seine Frau Emma bekommt nichts davon mit. Schließlich ist sie Präsidentin des ,,Vereins für Mutterschutz und Sittlichkeit". Was nicht nur ihre Tochter furchtbar langweilig findet. Sie ist nämlich verliebt in Rechtsanwalt Dr. Fritz Gerlach, der sich mit Vater Klinke im Rechtsstreit befindet und deshalb nicht infrage kommt - finden Mutter und Vater. Gerlach aber hat ein Faustpfand in der Hand - die Akte über die Geburt des unehelichen Sohnes. Nachdem sich noch weitere potenzielle Väter gefunden haben und der vermeintliche Sohn, geht es auf der Bühne heiß her.

Nicht nur einmal halten die Zuschauer den Atem an, wenn alle in einem Affenzahn durcheinander springen, ohne sich gegenseitig wehzutun. Wie machen die das, haben die ein Navi verschluckt? Es ist schwer, hier jemanden hervorzuheben. Mutter und Tochter Thiede, Susann und Lucie, sind auch im Stück ein tolles Mutter-Tochter-Pärchen. Die Onkel, Gunnar Golkowski, Matthias Manz und Michael Becker tragen zur Verwirrung bei, denn die ersten beiden haben auch für den Sohn gezahlt.

Dieses Schauspielensemble ist einfach nur großartig. Für Schauspieldirektor Mario Holetzeck war es die letzte Komödie, die er hier auf die Bühne bringt. Zum Ende der Spielzeit verlässt er das Theater. Was auch immer dazu geführt hat - viele werden das bedauern. Jedenfalls haben hier alle noch mal ihrem Affen Zucker gegeben - komisch ohne Ende und bis zum Ende. Ihrem Charakter entsprechend hat Susanne Suhr die Figuren eingekleidet - schräg, bunt, lachhaft. Wie es im Schwank üblich ist, bekommen sich am Ende alle - wenn auch nicht wie ursprünglich geplant. Der breit sächselnde Heinrich, ursprünglich Klinkes Tochter zugedacht, kriegt seine Wally, Cousine von Paula - wunderbar Lisa Schützenberger und Johannes Kienast, der in der Maske kaum zu erkennen ist. Eine tolle, dramaturgisch gewollte Steigerung legt Michael von Bennigsen als Wirtschafterin Marie hin. Am Schluss sieht er aus wie Conchita Wurst.

Gut zwei Stunden lang Spaß vom feinsten und ein unaufdringlicher Blick auf die bürgerliche Gesellschaft.