Das Buch, so stellte Vilar diesem einst provozierend voran, sei "denen gewidmet, die darin nicht erwähnt werden: den wenigen Männern, die sich nicht dressieren lassen, den wenigen Frauen, die nicht käuflich sind - und den Glücklichen, die keinen Marktwert haben, weil sie zu alt, zu hässlich oder zu krank sind."

Wie sich die Realität heute zeigt, davon weiß natürlich jeder selbst ein Lied zu trällern. Und wenn sich John von Düffel als erfahrener Dramaturg und Autor, der sogar einen Roman wie "Der Turm" von Uwe Tellkamp ins Bühnenformat zu bringen vermochte, auch an diesem Bestseller abgearbeitet hat, sind die Aussichten zum Erfolg quasi vorprogrammiert.

Wundervoll märchenhaft

Die Geschichte hier in Worten auszubreiten, lohnt kaum - es geht um Karrieren, Beziehungskrisen, Lebensentwürfe, um Ambitionen und verführerische Intrigen. Zugespitzt um die Frage: Wozu braucht die moderne, sich selbst versorgende Frau eigentlich überhaupt noch einen Mann? Aber diese Helen (Kristin Muthwill) will bezeichnenderweise nun mal ihren Bastian (Gunnar Golkowski) haben. Und wie es denn schlussendlich und trotz alledem so kommt, endet das Ganze wundervoll märchenhaft - sie lieben und sie kriegen sich.

Dieses als Komödie in der Theaterscheune des Staatstheaters Cottbus zu inszenieren, ist ohne Frage auch für Regisseurin Bettina Rehm kein leichtes Unterfangen, zumal John von Düffel bewusst und gekonnt im nunmehr längst 21. Jahrhundert dafür gesorgt hat, dass hier quasi alle Männer- und Frauen-"Bilder" schief im Rahmen hängen. Was ja bekanntlich bester Stoff für Lustspiele ist. Doch die Gefahr besteht darin, dass diese Texte reichlich kabarettistisch sind, also betont mit Pointen spielen und extrem zugespitzt argumentieren. Und das ist einfach schwer zu handhaben. Lebt doch das Kabarett mehr vom Moment, derweil die Komödie etwas im Ganzen ist, wo man sich weit genug von der Geschichte entfernen muss, um dann souverän mit Draufblick inszenieren zu können. Das gelingt der Regisseurin leider nicht immer - sie verliert sich zuweilen im Detail, hinterfragt zu wenig. Wobei diese Aufführung natürlich auch keine der heute üblichen Debatten mit diversen Gemeinplätzen sein sollte. Aber eben auch kein allzu harmloses Wortgeplänkel auf dem Theater.

Besagte Gratwanderung zwischen Kabarett und Komödie, Wort und Körpersprache gelingt am Premierenabend ganz besonders Susann Thiede als Helens Mutter. Sie hat einfach die Klasse, aus diesem adretten "Weibchen", das Karriere macht mit zweieinhalb Ehen und der ansteigenden Finanzkraft ihrer Versorger, eine ganz und gar lebendige, sich arrangierende Frau zu formen. Wobei sicher auch Heidrun Bartholomäus eine solche Präsenz leisten könnte als emanzipierte, unangepasste Frau und Bastians Mutter. Doch in der Inszenierung, wohl auch im Stück, gibt es dafür zu wenig Gelegenheiten. Die halt zu schaffen sind, wie beispielsweise in der Szene, in der die drei Frauen in aufgereihter Sitzordnung (Ausstattung: Julia Hattstein) ihre Ratlosigkeit thematisieren. Und ebenso könnten auch Helen und Bastian noch differenzierter, intensiver als Bühnenfiguren gezeichnet sein. Doch dafür mangelt es der szenischen Lesart an Kontext und Feinheiten.

Auf alle Fälle!

Sollte man nun tatsächlich das Publikum dazu ermuntern, sich diesen Abend anzuschauen? Natürlich, auf alle Fälle! Zumal die Geschmäcker ja bekanntlich recht verschieden sind. Und auch, weil es nie zu spät ist, über Männer, Frauen und wie auch immer geartete Beziehungen nachzudenken, mögen sie selbst schon Jahrzehnte währen. Bei dieser Premiere tritt der Glücksfall ein, dass tatsächlich jeder Zuschauer irgendwie auch ein Experte ist. Zumindest, was seine eigenen Erfahrungen betrifft. Und es lohnt gewiss, mal hin und wieder und so in Gemeinschaft über sich selbst wie auch manch andere nachzudenken, über das, was die kleine, große Welt da im Innersten zusammenhält. Denken ist ja überhaupt gut für die Gesundheit. Und Lachen sowieso. Das darf man getrost allen gönnen. Wenn sie überhaupt noch die Kraft und die Lust zum Lachen haben.

"Der dressierte Mann" , Komödie von John Düffel nach dem Roman von Esther Vilar, Theaterscheune0, wieder am 25. und 30. November sowie 7., 19., 20. und 28. Dezember, Ticket-Telefon 0355 / 78 24 24 24.