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Ein Rohdiamant wird geschliffen

Marie Jäschke verzauberte mit einem ausgezeichneten und technisch anspruchsvollen Klavierspiel das Publikum.
Marie Jäschke verzauberte mit einem ausgezeichneten und technisch anspruchsvollen Klavierspiel das Publikum. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Zum Auftakt der neuen Konzertsaison spielte das Philharmonische Orchester Strauss und Schumann. Doch eine aufstrebende junge Pianistin stand im Fokus. Rüdiger Hofmann

Marie Jäschke - diesen Namen sollte man sich merken. Die 19-jährige Pianistin aus Roggosen (Spree-Neiße) hat beim 1. Philharmonischen Konzert der neuen Spielzeit am Cottbuser Staatstheater unter Leitung des Generalmusikdirektors Evan Alexis Christ ihr Debüt gegeben. Und was für eines!

Doch der Reihe nach. Zu Beginn des Konzerts spielt sich das Philharmonische Orchester mit einem neuen 1. Konzertmeister aus China, Chuanru He, und "Reisefieber und Walzerszenen", einem sinfonischen Zwischenspiel aus der 1924 entstandenen Oper "Intermezzo" von Richard Strauss, warm.

So sehr die Musik dieser bürgerlichen Komödie dem Leichten, Unterhaltenden verpflichtet ist, so gegensätzlich ins Tondichterische und klangvoll Sinfonische kehrte Strauss die vier Zwischenspiele, die er aus der Oper für den Konzertsaal auskoppelte, und die dort bis heute ihren festen Platz behaupten.

Das Locker-Leichte auf der einen und der Wechsel der Stimmungen und Orchesterfarben auf der anderen Seite bilden das Epizentrum der Komödie, zu der sich Strauss von der eigenen Ehe inspirieren ließ.

Das Cottbuser Orchester spielt launisch auf, offenbart unzählige Tempi- und Rhythmenwechsel mit deutlich akzentuierten Verzögerungen. Der Schluss gerät ungewöhnlich, kein donnernder Finalschlag, sondern ein ruhiger Ausklang, wundervoll in Szene gesetzt.

Noch ungewöhnlicher dann die Uraufführung von Sarah Nemtsov "dropped.drownded". Die 1980 in Oldenburg geborene Musikerin begann mit acht Jahren zu komponieren. Als "wildwuchernde Inspiration" beschrieb der Deutschlandfunk ihre Arbeitsweise. Wildwuchernd erscheinen auch die bruchstückhaft dargelegten Klangfetzen, die eine bedrohliche Atmosphäre schaffen, die von Glitzermomenten durchbrochen werden. Christ dreht sich während der Aufführung mehrfach an seinem Pulte um, bindet er doch einige Bläser, die im oberen Rang im Hintergrund den Rahmen bilden, mit ein. Das Schlagwerk konkurriert mit den Zupftechniken der Streicher um die besten Plätze in dieser diffusen Klangmasse, in der mehrere Ebenen übereinander gestaltet werden und vom Verlauf her etwas chaotisch wirken. Ausgehend von der Harfe entwickeln sich Texturen, die in den rund zehn Minuten aber schwer zugänglich bleiben.

Vor der Pause dann das romantische Herzstück des Abends: Marie Jäschke präsentiert Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll opus 54, im Jahre 1845 vollendet. Das Werk gehört zu den meistaufgeführten Stücken dieser Sparte und ist zum Inbegriff des romantischen Klavierkonzerts geworden.

Schon mit vier Jahren hat die Solistin des Abends angefangen, Klavier zu spielen. Nach den ersten Schritten an der Musik- und Kunstschule in Spremberg wurde ihr großes Talent als Jungstudentin an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" in Berlin gefördert. 2016 macht sie ihr Abitur und entscheidet, Pianistin zu werden. Ein Rohdiamant wird nun geschliffen.

Im ersten Satz widersteht Marie Jäschke der Möglichkeit einer offensichtlichen Effekthascherei. Sauber ist ihr Anschlag, besonnen ihre Körpersprache am Flügel, intensiv und gefühlsbetont ihr Spiel. Nach kraftvoll zupackenden Akkorden des Klaviers stimmen die Holzbläser leise die ausdrucksvolle Melodie des Hauptthemas an.

Besonders weich und melodisch folgt dann das im Orchester um Oboen, Trompeten und Pauken reduzierte Intermezzo. Unmittelbar schließt sich das Finale mit feurig-tänzerischem Elan an. Auch hier taucht immer wieder das prägnante Hauptthema des Kopfsatzes auf. Substanzielle Verknüpfungen zwischen den beiden Ecksätzen erzielen zudem eine zyklische Bindung. Gerade der Schlusssatz besticht durch reizvolle metrische Klippen. Ebenso stellt der Klavierpart durch seine brillante Ausgestaltung hohe technische Anforderungen dar, die Marie Jäschke aber geschickt meistert. Sie verabschiedet sich unter nicht endendem Beifall mit einer wundervollen Bearbeitung von Schumann und Liszt unter dem Titel "Widmung".

Nach der Pause spielt dann das Cottbuser Orchester groß auf: "Ein Heldenleben", eine Tondichtung von Richard Strauss. Sie überraschte das Publikum der Uraufführung 1899 mit einer neuen Formkonzeption und einem monumentalen Orchesterapparat. Ein gigantischer Sinfoniesatz. Volles Schlagwerk. Das Programm gliedert sich in sechs Hauptabschnitte. Es stellt das Leben eines Helden und seiner Gefährtin dar. Der Held - von Kritikern verspottet - zieht in den Kampf, feiert seinen Sieg und flüchtet anschließend aus der Welt.

Das Werk besticht durch eine reiche Fülle musikalischer Gedanken, deren verblüffend plastisch wirkende kontrapunktische Vernetzung, die Gegenüberstellung grotesker und lyrisch-träumerischer Passagen und selbstverständlich die ungeheure Farbenpracht der Instrumentation. Evan Alexis Christ dirigiert nicht nur, er lebt das Werk, mit einem feurigen und wagemutigen Orchester an seiner Seite. Kreischende und schnarrende Holzbläser werden tiefem Blech entgegengesetzt, sentimentale und zart geführte Streicher harmonieren mit einer Abfolge lauter und spieltechnisch sehr anspruchsvoller Fanfarenstöße. Hintergründig ein unendlicher instrumentaler Schöngesang. Des Helden Weltflucht und Vollendung zugleich.