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| 02:51 Uhr

Ein pures musikalisches Glück

Klaviersolistin Claire Huangci und Evan Christ mit perfekt harmonischem Zusammenspiel.
Klaviersolistin Claire Huangci und Evan Christ mit perfekt harmonischem Zusammenspiel. FOTO: Marlies Kross
Cottbus. Generalmusikdirektor Evan Christ in seinem Element: Das Philharmonische Orchester spielte beim 7. Philharmonischen Konzert am Staatstheater Cottbus ein durch und durch amerikanisches Programm mit Werken von Aaron Copland, Gordon Sherwood und George Gershwin. Irene Constantin

Auch die Uraufführung von "1441" des in Lissabon geborenen Luís Antunes Pena behandelt ein US-amerikanisches Thema. Die UN-Resolution 1441 schuf die völkerrechtliche Möglichkeit, den Irak-Krieg vom Zaun zu brechen. Präsident Bush und seine Berater logen bekanntlich das Blaue vom Himmel, um dessen Notwendigkeit zu suggerieren. Dieses Sprach-Gespinst von Hetze, Lügen und Drohungen in all ihren Stimmlagen hat Luis Antunes Pena in Musik verwandelt.

Den Rhythmus, den Duktus, die Tonhöhen der Reden behielt er bei. Aber erst deren Um- und Überformung durch den Klang der Orchesterinstrumente macht sie zur Musik und damit zur Trägerin von Emotionen. Die konkrete Klanggestalt ist Penas unmissverständlicher Kommentar zum Irak-Krieg. Er lässt es knirschen wie die Balken, die sich vor lauter Lügen biegen, er klappert, plappert mit pickenden Kinderspielzeug-Hühnchen, Megafone geben nichts als das blasse Rauschen der Nicht-Informationen von sich.

Die "wirklichen" Instrumente schlagen mit Bassgewalt dazwischen, flöten bigott oder sie versuchen mit knappen Akzenten abweichende Kommentare. Das Stück ist ein Sprach-Geräusch-Materialspiel, aber es besitzt einen Aspekt von seltener Kostbarkeit, es drückt einen Standpunkt aus, nimmt Partei.

Darauf ein Musikstück von herzlicher Naivität, "Appalachian Spring" von Aaron Copland. Ruhig ausgesponnene Bläsermelodien wechseln sich in acht Sätzen mit munter gehüpfter Ländlichkeit ab. Das Stück ist als Ballettmusik für die späterhin legendäre Ausdruckstänzerin und Choreografin Martha Graham entstanden. Verwunderlich, denn ihre Arbeiten entsprachen sonst eher nicht den Vorstellungen von lächelnder Simplizität und oder sentimentaler Naturschwärmerei.

Ehrung des Unruhevollen

Nach der Pause kam der Abend dann doch noch auf Touren. Mit der Uraufführung der 3. Sinfonie von Gordon Sherwood ehrte das Cottbuser Orchester einen Unruhevollen, einen durch und durch ungewöhnlichen Menschen. 1929 im Staat Illinois, USA, geboren, schuf Gordon Sherwood bis 2013 weit über hundert Kompositionen und nichts war ihm fremder als ein irgendwie etabliertes Künstlerdasein. Er starb in einer diakonischen Einrichtung in Bayern und davor lag für ihn die Welt: Indien und Kenia, Hamburg und Paris, China und Costa Rica. Sherwood lebte als Student und als Bettler, als Komponist und Lebenskünstler.

Sein Traum war eine Musik, die alle Stile in sich vereint. Einen Anklang davon hat er in seiner dritten Sinfonie verwirklicht. Als die Cottbuser Uraufführung mit ihm besprochen und für den 2. Mai 2014 fest geplant war, fand seine Rastlosigkeit endlich ihr Ziel. Er starb auf den Tag genau ein Jahr vor dem Konzert.

Das Werk ist alles andere als ein spinnertes Klangungetüm. Es überrascht mit vier perfekt geformten, harmonisch interessanten, aber vor allem rhythmisch und klanglich brillanten Sätzen. Ein charakteristisch punktierter Rhythmus gleich zu Beginn assoziiert sowohl Reiter auf weiter Ebene als auch hektisches Großstadtgetriebe. Was sich auch melodisch im weiteren Satzverlauf ereignen mag, diese vorwärtstreibende Bassfigur grundiert stetig, fast maschinenmäßig den mitreißenden Kopfsatz. Ein Trompetenterzett bestimmt den langsamen zweiten Satz, eine Melodie zwischen Signal und Trauermarsch, wiederum grundiert von einem immer rasanteren, dennoch gleichförmigen Bass.

Sherwoods Art von Stetigkeit im Bewegtsein. Hin und wieder wirft er einen Luftanker aus: die Solovioline. Im dritten Satz folgt die ultimative Stilverschmelzung: ein Menuett, gespielt von Saxofonen.

Das Finale ist ein Kunstwerk. Bässe und Flöten verfolgen ein-ander im flüchtigen Fugato, jazzig rhythmisiert mischt sich eine Gegenmelodie dazwischen, ungleichmäßig verschobene Taktzahlen irritieren und amüsieren bis zum Schlusston.

Ein Meisterstück zum Schluss

Ein Glücksfall für Cottbus, diesen Komponisten und seine "Blues Symphony", die so gar nichts vom trübseligen Blues-Gefühl verbreitet, gefunden und uraufgeführt zu haben.

Das Meisterstück für Orchester, Dirigent und die Klaviersolistin Claire Huangci kam zum Schluss. Dabei hatte jedoch der Soloklarinettist zuerst einmal seinen großen Auftritt. Und zwar mit dem berühmten Eingangs-Glissando zu George Geshwins "Rhapsody in Blue". Es folgten noch ein paar langsame Takte, bei denen Evan Christ das Orchester ordentlich bremste, bis die Solistin in die Tasten griff. Unglaublich geschmeidig, als wäre es ein Kinderspielzeug, bediente sie sich des Flügels. Das Zusammenspiel mit dem Orchester, das agierte, als wäre es ein einziges Instrument, wurde immer freier, immer lockerer. Ein fließend schwingender Orchesterklang sowie Claire Huangcis pianistische Geläufigkeit und heitere Souveränität am Instrument verbreiteten pures musikalisches Glück.

Die Zugabe der Pianistin war noch einmal eine Hommage an George Gershwin.