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Ein Paukenschlag zur Fusion, der nachhallt

Man Ray: Larmes de verre, 1932 Silbergelatine
Man Ray: Larmes de verre, 1932 Silbergelatine FOTO: © VG BILD-KUNST, BONN 2017 UND MAN RAY TRUST, PARIS
Cottbus. Sie bevölkern die Ausstellungsräume M2 und M3 des Cottbuser Kunstmuseums Dieselkraftwerk – mehr als 80 Arbeiten von Fotografen, deren künstlerische Neugier, ihr technischer Forscherdrang, vor allem aber ihr besonderer ästhetischer Blick auf die Welt, sie zu den Avantgardisten in der Fotografie des 20. Jahrhunderts machte: Man Ray, László Moholy-Nagy, El Lissitzky, Alexander Rodtschenko, Raoul Hausmann, Umbo. Renate Marschall

Alle Werke stammen aus der Sammlung des Kölner Ehepaares Barbara und Horst Hahn, die mit wichtigen Arbeiten dieser sechs Fotokünstler eine Sammlung von Rang zusammengetragen haben, wie Kuratorin Carmen Schliebe betont.

"Paukenschlag der Moderne" ist die Ausstellung überschrieben. Diese sechs, die von Hause aus Maler und Grafiker waren, revolutionierten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Fotografie. Es ging ihnen nicht mehr darum, die Realität abzubilden, vielmehr wollten sie ihre Ideen, zum Teil gesellschaftspolitisch gefärbt, mit der Fotografie als künstlerischem Mittel ausdrücken.

Sie komponierten Fotografien, wie man Bilder komponiert, warfen dabei fast alle fotografischen Regeln über den Haufen und stacheln sich gegenseitig an. Dabei spielte ihnen der technische Fortschritt in die Hände, Experimente mit und ohne Kamera förderten immer neue Ausdrucksmittel zutage, die, wie Carmen Schliebe sagt, "bis heute junge Fotografen inspirieren".

Einer der bedeutendsten unter ihnen ist Man Ray. "Er ist, vom New Yorker Dadaismus und Pariser Surrealismus kommend, einer der ersten multimedialen Künstler", so die Kuratorin.

Surreal, also unwirklich und doch bezogen auf die Realität, verfremdend, ist seine Bildsprache. So fotografiert Man Ray seine Freundin Kiki als Rückenakt mit den aufgemalten f-förmigen Öffnungen eines Violoncellos - eins seiner berühmtesten Bilder. Über dessen Hintergründigkeit es viele Mutmaßungen gibt - über die Erotik hinaus, den weiblichen Körper als Instrument zu sehen. Der Titel "Die Violine von Ingres" steht im Französischen sprichwörtlich für Steckenpferd, was auf den Maler Dominique Ingres zurückgeht, der sich der Aktmalerei, aber ebenso dem Violinspiel gewidmet hat. "Dessen Gemälde ,Die große Badende' war offenkundig Vorlage für Man Ray." Zu fast jedem der Bilder weiß Carmen Schliebe eine Geschichte zu erzählen, weshalb man sich am besten einer Führung anschließen sollte.

Alexander Rodtschenko sind viele Prinzipien der modernen Fotografie zu verdanken. Das Fotografieren aus der Frosch- oder Vogelperspektive, die grafische Wirkung von Gegenständen zu entdecken und wirkungsvoll in Szene zu setzen. Berühmt ist seine Treppe, auf der eine Mutter mit Kind die Anordnung der Stufen kreuzende Schatten werfen. Seine ungewohnten Blickwinkel, neuartige Perspektiven ließen ihn zum wichtigsten Vertreter des neuen Sehens werden.

El Lissitzky widmete sich unter anderem der Fotomontage und Fotocollage. Wie so was entsteht, ist gut an seinem Selbstporträt vor Millimeterpapier nachvollziehbar, dem er erst Hand und Zirkel gibt und es schließlich mit einem Pfeil, auf dem XYZ steht, komplettiert. "Ein Sinnbild dafür", erklärt Carmen Schliebe, "dass er sich nicht nur als Künstler, sondern auch als Architekt, Konstrukteur und Ingenieur sah." Alle drei Entwicklungsphasen des Bildes sind in der Ausstellung zu sehen.

László Moholy-Nagy war dem Weimarer und Dessauer Bauhaus verbunden, gilt als wegweisender Neuerer der Fotografie. Gemeinsam mit seiner Frau Lucia arbeitete er an fotografischen Experimenten, vor allem Fotogrammen, die ganz ohne Fotoapparat entstehen. Dazu werden Objekte zwischen eine Lichtquelle und lichtempfindliches Papier oder Film gebracht. So entstehen mitunter bizarre Bilder, die selbst mit viel Fantasie nicht mehr auf den abgebildeten Gegenstand schließen lassen.

Wie unterschiedlich die Ergebnisse bei den einzelnen Künstlern sind, lässt sich in der Ausstellung gut vergleichen, denn experimentiert mit dieser Art der Fotografie haben alle. Der Maler, Grafiker und Publizist Raoul Hausmann vor allem mit der Fotomontage.

Umbo wiederum besaß die Gabe, selbst toten Gegenständen Leben einzuhauchen, experimentierte auch mit Mehrfachbelichtungen.

Erfindungsreichtum, die Lust darauf, die Welt immer neu zu entdecken, hinter die Fassade zu blicken und aus der Fotografie eine Kunstrichtung zu entwickeln, hat die sechs zu Impulsgebern für ganze Generationen gemacht. Ein Paukenschlag, der nachhallt.

Zum Thema:
Paukenschlag der Moderne: Führungen am 6. und 30. Juli sowie am 31. August. Gleichzeitig wurde gestern die Ausstellung Blütezeit mit Fotografien von Sven Gatter eröffnet (beide bis 3. September).