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| 02:42 Uhr

Ein Mythos als künstlerischer Akt

Joseph Beuys am 20. März 1967 in Darmstadt während der Veranstaltung "Fluxus" in seiner Ausstellung "Fettraum".
Joseph Beuys am 20. März 1967 in Darmstadt während der Veranstaltung "Fluxus" in seiner Ausstellung "Fettraum". FOTO: dpa
Düsseldorf. Joseph Beuys und die Krimtataren – um einen der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts und den muslimisch geprägten Volksstamm rankt sich eine Legende. Katharina Hölter

Eine Geschichte, die oft als Begründung für Beuys' künstlerische Vorliebe für Filz und Fett galt. Den Mythos hat der Künstler selbst geschaffen.

Der aktuelle Konflikt zwischen Russland und der Ukraine hat auch die Krimtataren ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. In der Kunst ist das Turkvolk mit dem Künstler Beuys (1921-1986) eng verbunden.

Berühmt geworden ist die "Tatarenlegende", wonach Beuys im März 1944 über der Krim abstürzte, lebensgefährlich verletzt und von Tataren mit Fett und Filz wieder aufgepäppelt wurde. Joseph Beuys wurde auf der Krim eingesetzt, um die dort eingekesselten Wehrmacht-Einheiten zu unterstützen. Sie waren nach Gefechten im Kaukasus auf die Halbinsel im Schwarzen Meer geflohen. Der Flugzeugabsturz, bei dem der Pilot ums Leben kam, ist historisch belegt. Doch der Bordfunker Beuys kam in Wahrheit mit einer Gehirnerschütterung wohl glimpflich davon.

In der 2013 erschienenen Biografie "Beuys" untermauert Autor Hans Peter Riegel mit zusätzlichen Informationen die These, dass Beuys' wundersame Rettung wohl nur Legende ist. Beuys selbst habe die Geschichte erst in den 70er-Jahren verbreitet. Rigel: "In den Wagenladungen von Literatur über Beuys sind durch unzählige, allzu gutgläubige Autoren Zuschreibungen und Mythologisierungen erfolgt."

Doch Riegel ist nicht der Einzige, der an Beuys' selbst geschaffenen Mythen kratzt. 1996 hatten bereits die Autoren Frank Gieseke und Albert Markert Beuys' Lebenslauf kritisch beleuchtet ("Flieger, Filz und Vaterland. Eine erweiterte Beuys Biografie").

Riegel zitiert in seiner Biografie ein Beuys-Interview von 1976 mit Georg Jappe: "Das ist ja nun auch eine reale Sache gewesen. Ohne die Tataren wäre ich heute nicht mehr am Leben", sagte Beuys damals. Auf Nachfrage habe er bestätigt, dass er zu seinen zahlreichen Arbeiten mit Filz und Fett durch die Tataren inspiriert worden sei. Sie hätten ihn mit diesen Materialien gesund gepflegt.

Die Tataren hätten Beuys unter den Trümmern seiner Maschine entdeckt. "Ich erinnere mich an den Filz, aus dem ihre Zelte gemacht waren [...] Sie rieben meinen Körper mit Fett ein, damit die Wärme zurückkehrt, und wickelten mich in Filz ein, weil Filz die Wärme hält", zitiert Riegel Beuys in einem weiteren Interview. Tatsächlich sei Beuys aber einen Tag nach dem Absturz in ein nahe gelegenes Feldlazarett gebracht worden, schreibt der Biograf. Riegel stützt sich dabei auf einen Eintrag im Krankenbuch.

Dass Beuys es mit dem Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit nicht so genau nahm, wird ihm in der Kunstszene verziehen. "Dass er einen individuellen Mythos geschaffen hat, ist Teil seiner künstlerischen Arbeit", sagt Bettina Paust, künstlerische Direktorin am Museum Schloss Moyland am Niederrhein. Das Museum hat den größten Bestand an frühen Beuys-Werken und ein umfangreiches Beuys-Archiv. Die Materialien Fett und Filz tauchten als Thema bereits in den früheren Beuys-Zeichnungen aus den 50er-Jahren auf, sagt Paust. Der erste "Fettstuhl", ein Holzstuhl mit einem dreidimensionalen Keil aus Fett, stammt von 1963, und dann ziehe sich das Thema durch sein gesamtes Werk.

Der Aufenthalt auf der Krim hinterließ in Beuys' künstlerischem Werk noch mehr Spuren - beispielsweise sei hier die nomadische Kultur Thema, erklärt Paust. So tauche die Figur "Dschingis Khan" in seinen frühen Zeichnungen auf. "Die biografischen Bezüge in seinen Werken haben für Beuys von Anfang an eine wichtige Rolle gespielt. Sie müssen aber nicht zwingend eins zu eins so stattgefunden haben", sagt Paust.