Ein besseres Sprachrohr für Montaigne als Hans Stilett (Jahrgang 1922) lässt sich kaum denken. Der weit über achtzigjährige Schriftsteller und Übersetzer aus Bonn wirkt ebenso ehrwürdig wie charmant und schalkhaft. Gelegentlich unterbricht er seinen lebenssprühenden Vortrag, um am Rotwein zu nippen. Der beiläufige Kommentar „Ich bin nicht katholisch, ich trinke nicht für Sie mit“ , löst im Gutshaus große Heiterkeit aus. In der Regel überlässt Stilett die Pointen jedoch Michel de Montaigne.
Der französische Politiker und Philosoph (1533-1592) gilt als Erfinder der Essayistik, der geistreich plaudernden Annäherung an ein Thema. Sie ist im Idealfall - wie bei Montaigne - fundiert durch hohe Bildung, kommt jedoch ohne die Begriffsschwere und den Fußnotenballast wissenschaftlicher Untersuchungen daher. 107 solcher „Essais“ (zu Deutsch etwa: Versuche) hat Montaigne der Nachwelt hinterlassen, außerdem Reiseberichte. Sie behandeln die allzumenschlichen Angelegenheiten: das Leben, die Liebe, den Tod, die Laster, die Freuden . . .
Das alles wurde von Stilett in glänzendes modernes Deutsch übertragen, in dem auch heutige Ausdrücke wie „Lustobjekt“ und „sexuell“ fallen, die sicherlich nicht im mittelfranzösischen Original zu finden sind.
Gedanklich ist Montaigne hochaktuell. Sein Übersetzer schildert ihn als einen vorurteilslosen und unerschrockenen Humanisten, der sich im 16. Jahrhundert, als das nicht selbstverständlich war, gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Krieg, gegen Folter oder gegen Dogmatismus einsetzte. „Wir übertreffen die Barbaren in jeder Art von Barbarei“ , urteilte der Franzose über europäische Überheblichkeit.
Montaigne war kein Philosoph, der in geistigen Wolkenkuckucksheimen schwebt und großartige Systeme ersinnt, die in der Praxis nicht funktionieren. Stilett nennt sein Denken „eine Einheit von Hirn, Herz und Hoden“ . Obgleich Skeptiker habe Montaigne ein „unbedingtes Ja zum Leben“ ausgesprochen. Ja zum Lachen, Lieben, Lesen, Reisen, zu Freundschaft, Tanz, Mode und Luxus.
Die „Essais“ sind als ganz konkreter Lebensratgeber nutzbar, verfasst mit Ironie und Selbstironie, die vor Kalauern nicht zurückschrecken. Der adelige Autor geht mit Verwunderung seinen Launen, Gefühlen und Gedanken nach. Mal würde er einen seiner Bediensteten einen „Esel“ und „Hornochsen“ schimpfen, ihn wenig später aber einen „braven Kerl“ nennen. „Das größte Monster und Mirakel“ sei er selbst. „Ich müsste zu mir sagen: Du Scheißkerl. Aber damit wäre nicht alles über mich gesagt.“
Durch Selbstanalyse und Beobachtung seiner Mitmenschen gewinnt der Essayist einige Weisheit. Er spricht sich für die Akzeptanz der dunklen wie der hellen Seiten des Daseins aus. Erst der Schmerz mache die Schmerzfreiheit zum Genuss - eine Erkenntnis, die dem Philosophen wohl durch sein hartnäckiges Nierenleiden gekommen ist; euphorisch schildert er die Erleichterung, „wenn ein Stein abgeht“ .
Gegenüber dem Tod empfiehlt Montaigne eine gelassene Haltung. Trost spenden ihm Bücher, weil die im Gegensatz zu Menschen stets verfügbar seien. Freilich kommt der kontaktfreudige Vielreisende kaum zum Lesen. Ihm genüge zur Beruhigung die greifbare Nähe von Lektüre.
Die letzte große Freude macht dem Franzosen, wie könnte es anders sein, die Liebe. Allerdings möge sie umsichtig und in Maßen genossen werden. Zuneigung sei nicht käuflich. Und es nutze nichts, wenn alte Männer jungen Dingern nachjagen: „Kein Backfisch beißt solch rostigen Angelhaken an.“
Montaigne stellt Mäßigung jedoch nicht über alles, man müsse in jeder Weise zu leben verstehen, auch im Exzess. „Es ist ein großer Unterschied, ob einer nicht sündigen will oder nicht zu sündigen weiß.“
Viele seiner Gedanken findet der Schriftsteller bei alten Philosophen wie Alkibiades oder Platon schon formuliert. Seine Epoche, die Renaissance (Wiedergeburt), war ja eine Zeit der Neuentdeckung der Antike. Leider hat es lange gedauert, bis die Deutschen in großer Zahl auf Montaigne gestoßen sind. Die letzte deutsche Übertragung sei vor 200 Jahren verfasst worden, berichtet Hans Stilett. Da man im Alter - zunächst - keinen Termindruck habe, machte sich der Übersetzer im Ruhestand selbst an die große Aufgabe. Seine Neuübersetzung der „Essais“ erschien 1998 als Prachtband bei Eichborn. Ein großer Erfolg. Wie Stilett mit berechtigtem Stolz verrät, wurden inklusive Taschenbüchern inzwischen 100 000 Exemplare verkauft.