Sohn Harold hängt am Seil, während die Mutter das neue Hausmädchen einweist. Das Mädchen gerät in Aufregung, doch die Mutter bleibt ruhig.

Sie kennt die effektvoll trickreichen Selbstmordversuche des Sohnes: alles nur Provokation und Show. Deshalb moniert sie nur die Farbe seiner Strümpfe und das Fehlen seiner Krawatte. Ihr 19jähriger Sohn sagt von sich, er habe noch nicht gelebt, sei aber schon mehrmals gestorben.

Der kontaktgestörte Sohn aus sorgloser Oberschicht hat eine Mutter, die ihn mit ihren Ratschlägen „zutextet“ und mit ihren Handlungsvorschlägen erstickt. Also versucht er sie immer wieder mit selbst konstruierten Selbstmordapparaturen zu erschrecken (was die Inszenierung von Rudolf Koloc mit einfallsreichen Szenen bebildert). Harold bejaht das Leben nicht, sondern schaut zu, wie Gebäude abgerissen oder Autos verschrottet werden. Er träumt von End- und Zerstörungssituationen, besucht Beerdigungen und treibt sich auf Friedhöfen herum. Dort lernt er die 79-jährige Gräfin Maude kennen, die ebenfalls nach eigenen, aber ganz anderen Regeln lebt. Sie ignoriert bürgerliche Eigentumsrechte, benutzt fremde Autos, wenn sie sich braucht, verpflanzt Straßenbäume, damit sie Luft zum Leben bekommen, und entführt eine Robe aus dem Zoo, um ihr die Freiheit im Meer zu schenken. Außerdem raucht sie Wasserpfeife und trinkt Champagner, weil beides „organisch“ sei. Maud lebt für das Leben, Harold lebt gegen das Leben. Doch taut er schnell auf bei dieser liebenswertenden Fantastin.

Das Ganze: ein heute leicht verstaubt anmutendes Märchen aus Flower-Power-Hippie-Zeiten, als das Träumen noch geholfen hat. Regisseur Rudolf Koloc träumt mit und unterfüttert die Figuren nicht unnötig mit sozialer Aktualisierung. Sie sind in seiner sensiblen und eleganten Inszenierung einfach Haltungsträger, sind eben, wie sie sind, ohne gesellschaftlich genauer erklärt zu werden. Und die Menschen um das unmögliche Paar erscheinen als zeitlose Klischees: der Psychiater (schön hilflos: Rolf-Jürgen Gebert), der Pater (mit genervter Verzweiflung: Berndt Stichler), die drei Heiratskandidatinnen für Harold, denen Johanna Emil Fülle eine so wunderbar kabarettistische Skurrilität verleiht, dass man sie sich fast schon wieder als reale Alpträume vorzustellen vermag, und der mit seinen Instrumenten lebende und von Maude überanstrengte Inspektor (angenehm zurückhaltend: Thomas Harms). Am aufregendsten aber ist, wie Sigrun Fischer Harolds Mutter spielt, eine um sich selbst kreisende Frau der amerikanischen Oberschicht. Die Szene, in der sie einer der Heiratskandidatinnen den Tee serviert und dabei mit leisem asiatischem Singsang das Mädchen zu beruhigen sucht, während ihr Sohn mal wieder eine Selbstmordshow inszeniert, ist von still überbordender Komik.

Natürlich könnte man heute die esoterische Maude mit ihrer aus den Hoffnungen der siebziger Jahre begründeten Lebensfreude auch satirisch spielen, könnte die Figur mit den Erfahrungen seit den 80er-Jahren brechen . Doch Rudolf Koloc belässt es bei dem Märchen, er inszeniert mit kleinen Effekten geschickt große Affekte, und man schaut all dem gern, wenn auch etwas distanziert zu. Das Utopische, ja Ungeheure einer wie auch immer gearteten Liebe zwischen einer fast Achtzigjährigen und einem kaum Zwanzigjährigen aber ist mit der Besetzung der Maude durch die 54-jährige Heidrun Bartholomäus ausgehebelt. Denn die Schauspielerin spielt sich als Temperamentsbolzen ins Zentrum und dabei den steifen Roland Schroll als Harold lange fast aus der Geschichte heraus. Die Schauspielerin besitzt weniger Aura als Kraft, sie schlägt gewissermaßen körperlich wie gedanklich ständig Kobolz, und Cat Stevens singt seinen Song „Sing out“ dazu. „Wenn Du frei sein willst, sei frei.“ Eine schöne, unterhaltsame Inszenierung, wenn auch etwas harmlos. Eben ein Märchen, eine Utopie, also Theater.