Kaum besser wird seine zwischen Leben und Darstellung nicht mehr unterscheidende Rolle illustriert als im Video zu "My Way". Vicious kommt die große Showtreppe herunter, in weißem Jackett und schwarzer Anzughose, singt die erste Strophe leicht verlallt im Stil des Sinatra-Originals, nimmt dann wütend Fahrt auf, am Schluss zieht er eine Pistole, ballert ins Publikum, Stinkefinger und Abgang. Des bösen Sids "My Way", die "größte Coverversion der Rockgeschichte" (Die Zeit), fand auf eine Single, veröffentlicht im Juni 1978, als Sänger Johnny Rotten die Pistols bereits verlassen hatte, die Band lag in Trümmern, ihre revolutionäre Größe war Geschichte. Die Videoaufnahmen, Teil des Films "The Great Rock 'n' Roll Swindle", von Malcolm McLaren, Erfinder und Manager der Sex Pistols, zeigten Sid Vicious auf einem Höhepunkt seiner Inszenierung. McLaren hatte gute Arbeit geleistet. Vicious' Mutter, die nur mit Drogen das Leben bewältigte, formulierte es etwas pathetisch: "Sie nahmen meinen Sohn und formten aus ihm diese Ikone, ganz ihren Vorstellungen entsprechend". Ergebnis des Prozesses: Er war die personifizierte Verweigerung, frustriert, voller Hass aufs Spießbürgerliche. Er machte sich deshalb auch auf Postern und T-Shirts super - noch weit nach seinem Tod vor 30 Jahren am 2. Februar 1979. Sid Vicious wurde als John Simon Ritchie in London 1957 geboren. Mit 15 Jahren brach er die Schule ab, begann ein Studium der Fotografie am Hackney College, wo er John "Rotten" Lydon kennen lernt. Nach einem heftigen Streit flog Simon, 17-jährig Zuhause raus. Er streunte umher, stieß auf den legendär schrägen Mode-Laden von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren in der Londoner Kings Road, ein Hort der heranwachsenden Punkszene. Nach seinen musikalischen Anfängen als Schlagzeuger bei Siouxie And The Banshees stieg er im Februar 1977 als Bassist bei den Sex Pistols ein. Er spielte so schlecht Bass, dass sein Part auf dem ersten und einzigen Album "Never Mind The Bollocks" in den Hintergrund gemischt wurde. Andere Qualitäten Der zum Sid mutierte Simon hatte indes andere Qualitäten. Es gefiel ihm zu schockieren. Mit wüsten Prügelattacken versuchte er Respekt zu bekommen. Ein wirklich harter Hund war er nicht. Sein Outfit - abgewetzte Lederjacke, zerrissene T-Shirts, aufgestrubbelte Haare - definierte die modischen Standards, erst der Punks, bald der Rebellen weltweit. Für die zur Losung gewordene Einsicht "No Future" der Sex Pistols war Vicious die Werbefigur, ein Leben im Ausnahmezustand, das in seinen selbstzerstörerischen Zügen nur auf eines zusteuerte, nämlich das Ende. "Was immer sich an Sex, Drugs und Rock 'n' Roll bot, nahm er mit", schreibt Alan Parker in seiner Biografie "Too fast to live …". Als Vicious mit 21 Jahren adieu sagt, war seine Freundin Nancy Sprungen bereits tot, im Drogenrausch erstochen; lange stand er unter Mordverdacht, die Ermittlungen wurden nie offiziell abgeschlossen. Oliver Seifert