Sechsmal Kuba. Die volle Dröhnung Oldtimer-Nostalgie und Sozialismuskritik hätte der Vormittag im Glad-House werden können - wären da nicht die sechs Filmemacher gewesen, die ihre Blicke nicht in eine politische, nicht in eine kritische, sondern in völlig neue Richtungen gelenkt hätten.

Da war etwa Filmstudent Pedro Pío, der offenbar viel faszinierter war von Hunden als von den Kuriositäten Kubas und Havannas - der Straßenköter, der Teilnehmer am Hunde-Schönheitswettbewerb, der sterbende Hund, der eine Operation nicht überlebt hat, die Kampftöle, dessen Ziel es war, einen Autoreifen so zu malträtieren, dass das Gummistück in Fetzen von der Kordel hängt.

Da war aber auch Rubén Rojas Cuauhtemoc, Mexikaner, der seinen Protagonisten Yoemil auf die Suche nach einem Mechaniker schickt, um das geerbte Auto zu reparieren und zum Fahren zu bringen. Das Auto ist für Yoemil so viel mehr als nur ein fahrbarer Untersatz - es ist Verdienstquelle, es ist auch die Möglichkeit, vor der Großmutter zu fliehen, deren Diabetes den 20-Jährigen in jungen Jahren zu einem Pfleger und Aufpasser macht. Das Auto, ein polnischer Fiat, ist aber auch Potenzsymbol, ein Kleinwagen als Aufreißer-Kutsche für heranwachsende Kubaner. Wer fährt, hat Vorteile und sieht mehr von der Welt. Das Auto landet beim Teilehändler, die einzige Fahrt, die Yoemil je unternimmt, ist die im Schlepptau eines alten amerikanischen Straßenkreuzers. Cuauhtemocs Film ist Komödie und Tragödie zugleich - er erzählt die Geschichte eines 20-Jährigen. Dass der zufällig in Kuba lebt, ist Nebensache.

In Aldemar Matías' 26-Minüter "Der Feind" geht eine ganze Brigade auf Jagd nach Krankheit bringenden Stechmücken und erhält so Zutritt zu den teils unübersichtlichen und ärmlichen Behausungen der Habaneros. 50 Pesos Strafe, wenn Larven im Haus sind - der Zuschauer bleibt unentschlossen, ob er nun weinen oder lachen soll. Denn selbst, wenn die Gefahr einer gefährlichen Ansteckung durch die Mücken droht - was die Brigade am stärksten antreibt, sind die Arbeitszeit-Dokumentationen. Wer zu früh nach Hause geht, fliegt oder kriegt mächtig Ärger. Die Frauen haben in der Brigade das Sagen, die Männer kuschen.

Roya Eshraghi Safaifard beobachtet in zwölf Minuten eine alte Frau auf der Suche nach dem Radiosender - ihr Mann hatte den Sender verstellt, bevor er das Haus verlassen hatte. Im Programm wird gesendet, was es heute in den verschiedenen Läden in der Umgebung gibt - acht Unzen Mortadella, ein Festmahl.

Nahezu Urlaubsvideo-ähnlich blickt Aldemar Matías auf Havanna, zeigt kurze Sequenzen vom Boulevard am Meer und räumt dabei mühelos mit jeder Romantik, die sich rund um Kuba in den Köpfen der Touristen festgesetzt haben mag, auf.

Sechs Kurzfilme in zwei Stunden - nicht einmal annähernd hatte der Zuschauer das Gefühl, irgendetwas über Kuba erfahren zu haben. Das aber war auch nicht das Ziel des Kino-Vormittags. Wenn es darum ging zu zeigen, wie "normal" das kubanische Leben sein kann, wie "normal" auch Kuba oftmals ist, dann haben die Kuratoren das Ziel ganz klar erreicht.