„Wir malen mit Worten“ , sagt Wolfgang Wache, für den das Schreiben die Mutter aller Künste ist, was für ihn auch einschließt, junge Zeichentalente und Illustratoren zu unterstützen. Weit über die Grenze des Landes Brandenburgs ist er als „Birkchenpapa“ bekannt. Er hatte der Niederlausitzer Kunstschule in Brieske nicht nur den Namen „Birkchen“ gegeben, sondern auch Zeichen gesetzt. Sklave eines Hauses aber wollte er letztlich nicht sein, die Kultur war ihm wichtiger. So hat jetzt die Autorengruppe, die schon im „Birkchen“ junge Literatur zum Leben erweckte, im Kultur- und Freizeitzentrum „Pegasus“ Unterschlupf gefunden.
Ein sonnendurchfluteter Raum, in dem selbst die Wände Geschichten erzählen. „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ , stellt Karl Valentin auf einem Schriftzug fest, auf einer Zeichnung, sich um ein klappriges Fahrrad bemühend, sein sinniger Satz: „Ich konnte damals erst übermorgen starten.“ Wolfgang Wache lächelt hintergründig und setzt hinzu: „Aber wir starten trotzdem!“
Der 58-Jährige hat ein Faible für das Clowneske. „Da müssten Sie erst meine Wohnung sehen, ein Sammelsurium von Sprachkünstlern.“

Die Welt des Theaterspiels
Begonnen habe diese Leidenschaft in seiner Kindheit. Im Garten hinterm Haus in Senftenberg entdeckte er mit drei Jahren die Welt des Theaterspiels, zunächst als Zuschauer, später in Lauta dann schon als Theaterdirektor. „Ohne Tante Gretel hätte es das nicht gegeben“ , sagt's, zieht ein Büchlein hervor und beginnt vorzulesen: „Als Schulkind gehörte ich zu denjenigen, die den Deutschunterricht hassten. Wenn da nicht eine Horterzieherin gewesen wäre, die uns zum Theaterspielen begeisterte. Ich war oft nicht mit dem Text einverstanden. Sie sagte: 'Schreibe deine Geschichtenideen auf.' Und ich erlebte zum ersten Mal, dass nicht über meine schlechte Rechtschreibung und Grammatik gesprochen wurde, sondern über meine Texte. . . Dafür danke ich Gretel Heinrich, die wir als Kinder liebevoll Tante Gretel nannten. Sie ist schuld, dass ich heute daran Freude finde, den jungen Schreiberlingen Mut zum Weiterschreiben zu machen.“
Diese Sätze, Tante Gretel lebt heute 79-jährig in Torno, stammen aus dem Vorwort zu einer Anthologie, die aus den Einsendungen zum Literaturwettbewerb 2006 entstanden ist. Die nächste ist kurz vor der Fertigstellung. Die Preisträger 2007 werden während der Festwoche bekanntgegeben und in Senftenberg aus ihren Arbeiten lesen.
Wie Wolfgang Wache haben auch seine Mitstreiterinnen Andreas Beutel und Jana Arlt Spaß daran, jungen Leuten bei ihren Erkundungen in der literarischen Ideenwelt helfend und beratend zur Seite zu stehen. Entscheidender Grund, das Nachwuchs-Literatur-Zentrum zu gründen, das freilich ohne Sponsoren und Fördertöpfe nicht am Leben zu halten ist. 1992 startete der erste Aufruf zum Literaturwettbewerb für Kinder und Jugendliche. 2008 wird somit zum Jubiläumsjahr für die kulturpädagogische Arbeit mit jungen Schreibenden, dessen Auftakt schon in diesem Herbst gegeben wird.
Ende Juni wurde die Autorengruppe in Saarbrücken mit dem Sonderpreis der PWC-Stiftung bedacht, die auf Initiative von Führungskräften der PricewaterhouseCoopers AG kulturelle Jugendarbeit fördert.

„Kinder zum Olymp“
Ein weiterer Preis einer Kulturstiftung der Länder und des Bundes: „Kinder zum Olymp“ ist bereits zur Festwoche angekündigt worden. Heute wird sie in der Grundschule am See eröffnet, in der Jana Arlt und Wolfgang Wache schon seit Langem Kinder lehren, durch die Brille der Fantasie zu sehen. Hundert Textballons sollen in Senftenberg, Schwedt und Rostock in den Himmel steigen. Morgen wird die Leseratte Raz Schulklassen aus Senftenberg und Umgebung darüber aufklären, wie ein Buch entsteht und gemeinsam mit den Kindern Geschichten schreiben.
Erfinderin der Leseratte Raz ist die 33-jährige Jana Arlt. Ihre Stimme ist nicht wiederzuerkennen, wenn sie sich in die eifrige Leseratte verwandelt, die als Lesezeichen gern Käse oder Speck verwendet. Jana Arlt ist ausgebildete Erzieherin und Lyrikerin, während der Festwoche wird sie sich mit der Autorengruppe - Andrea Beutel und Wolfgang Wache warten dann mit Prosa und lyrischen Wortexperimenten auf - in einer Lesung wieder einmal der Öffentlichkeit vorstellen.
Alle drei lassen nicht nur in der Festwoche die Puppen tanzen. Vermiculus, der Bücherwurm, frisst sich ausdauernd durch die Bücherregale, die die Puppenbühne darstellen, und die Leseeule Sophia gibt allzeit die Oberschlaue.
Gemeinsam mit den Autoren waren sie auch schon mit einem eigenen Stand auf der Leipziger Buchmesse. Im nächsten Jahr soll der Stand tüchtig wachsen. Anfang 2003 waren das noch Hirngespinste. „Da haben wir in einem Leipziger Café herumgealbert und die kühne Vision entwickelt, in fünf Jahren auf der Messe präsent zu sein. Ein Jahr darauf hatten wir den Literaturwettbewerb deutschlandweit ins Leben gerufen und dann gab es auch bald die ersten Publikationen“ , erinnert sich Wolfgang Wache. Sechs Bücher junger Literaten sind mittlerweile schon in seinem Verlag herausgekommen. „Wir sind Puppenspieler, Herausgeber, Lektoren, Autoren, nur die Druckerpresse lassen wir in Ruhe“ , frotzelt Jana.
Geboren werden die Texte zwar meist im stillen Kämmerlein, aber an der Wiege standen oft Jana Arlt und Wolfgang Wache aus Senftenberg und Andrea Beutel aus Schwedt, die ihren Sohn Sven seit 1999 zu den Schreibwerkstätten mitnimmt und der wie die anderen Kinder Gefallen am Schreiben fand und damit groß wurde.

Unter die Haut
„Wenn junge Dichter sich treffen“ ist das Motto der Schreibwerkstätten. In diesem Sommer luden die Senftenberger nach Helmarshausen bei Göttingen. Aus acht verschiedenen Bundesländern reisten die Sprachtalente an. Wolfgang Wache aber kam mit einem leeren Koffer und forderte die jungen Literaten auf: „Füllt ihn mit eurer Fantasie!“ Er wurde nicht enttäuscht. Wunderbare Geschichten und Gedichte konnte er mit nach Hause nehmen. Jana Arlt erinnert sich, wie er Esther, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das sich mit ihren Zeilen über ein sehr heikles Thema regelrecht verschloss, aus sich selbst herausholte: „Am Ende stand ein Gedicht, das unter die Haut geht und andere Menschen berührt“ , erzählt sie.
Die Autoren freuen sich aber auch auf den Herbst. Ende September geht es nach Buckow, dort treffen sich Erwachsene zum Schreibcamp, wo sie auch selbst an eigenen Texten feilen wollen. „Dafür bleibt oft zu wenig Zeit“ , gibt Wolfgang Wache zu. Und Jana Arlt denkt weiter: „Viele junge Leute verlassen die Region, die Älteren bleiben. Das Literatur-Zentrum kann auch für sie ein wichtiger Anlaufpunkt sein, etwa, wenn sie Erinnerungen literarisch verarbeiten wollen.“
Noch viele Ideen werden in diesem literaturverwöhnten Raum entwickelt. Und die Wände geben ihren Kommentar dazu ab: „Starten wir eine Floßfahrt ins Ungewisse.“